Herzogenaurach  —  Zerkratzte Dielen, Schrammen an den Türrahmen oder verkohlte Ziegelsteine im Mauerwerk erzählen stumm die Geschichte der Bewohner eines Hauses . Erst durch die Menschen werden aus einfachen Häusern „Zuhause“ geschaffen. Das ist auch den neuen Besitzern des Anwesens Hauptstraße 73 in Herzogenaurach bewusst geworden, als sie bei Renovierungsarbeiten viele Zeugnisse der ehemaligen Bewohner in Händen hielten.

Rainer und Ilona Welker sind dabei, den Glanz des Gebäudes aus der Gründerzeit aufleben zu lassen. Stilgerechte Fenster und eine zeitgenössische Tür machen den Anfang, um zusätzlich zum bereits bestehenden Textilgeschäft eine Praxis für Systemische Therapie einrichten zu können.

Das Anwesen liegt innerhalb der ehemaligen Stadtmauer , am ehemaligen Würzburger Tor im Osten der Stadt und hat dadurch eine reichhaltige Geschichte. Erbaut wurde ein erstes Haus nach der Errichtung der äußeren Stadtmauer , Mitte des 16. Jahrhunderts.

Das Anwesen wurde von Tuchmacher Heinrich Bauer (1849 – 1915), verheiratet mit Anna Fischer (1847 – 1922) erworben. Er war einer der zahlreichen Tuchmacher in Herzogenaurach , der aber sogar in ganz Deutschland unterwegs war. Bei einer Messe in Köln im Jahr 1877 war Bauer mit seinen Produkten vertreten und verlor durch einen Betrug 2380 Mark. Da aber abzusehen war, dass sich die Zeit der handwerklich betriebenen Tuchmacherei allmählich dem Ende zuneigte, entschied sich Bauer nicht für den Weg in die Schuhproduktion, er hatte eine andere Idee: Am 11. Februar 1893 meldete er sein Geschäft für Spezereihandel mit Weiß-, Woll-, und Kurzwaren, Korbwaren, Kolonialwaren, Hut- und Mützenlager beim Magistrat der Stadt Herzogenaurach an.

Allerdings traf bereits ein Jahr später die Familie ein schwerer Schicksalsschlag . In der Brandchronik von 1894 ist zu lesen, dass ein schwerer Brand das Anwesen Hauptstraße 73 und einige Nachbargebäude eingeäschert hatte.

Die Familie Bauer stand vor dem Nichts, ihr gesamter Besitz war in Flammen aufgegangen. Dennoch gingen Heinrich Bauer und seine Frau Anna (geborene Fischer) daran, ein neues Haus zu errichten, der Baubeginn war am 1. April 1895, das neu erstellte Anwesen konnte am 12. Juli 1895 bezogen werden. Ebenso wurde der Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen.

Die Tochter Kunigunde Bauer führte das Geschäft als gelernte Verkäuferin nach dem Tod des Vaters weiter. Sie übergab 1927 das Haus und den Laden an ihre Nichte Maria Seeberger, die 1929 den Schmiedemeister Georg Welker ehelichte.

Das Paar realisierte viele Umbauarbeiten im Haus. Maria Welker führte 43 Jahre lang das Geschäft auch durch schwierige Zeiten wie die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Von den Herzogenaurachern wurde der Laden liebevoll „Bauern Marerl“ genannt. Neben dem Ladengeschäft hatten die Eheleute noch vier Kinder zu versorgen, Zusätzlich nahmen sie Verwandte auf, die durch den Zweiten Weltkrieg ihr Zuhause verloren hatten. Durch Flucht und Vertreibung lebten zum Kriegsende zeitweise bis zu 20 Personen gemeinsam in beengten Verhältnissen.

Um den veränderten Anforderungen an ein modernes Geschäft zu entsprechen, wurde es 1957 abermals umgebaut und das Textilangebot „Für die ganze Familie “ angepasst.

Das „Bauern Marerl“ schließt

Seit 1970 führte deren Tochter Rosa das traditionsreiche Geschäft bis zu ihrem Ruhestand weiter. Ihre Nichten, die das traditionsreiche Geschäft übernahmen, werden Ende August diesen Jahres die Pforten von „Bauern Marerl“ für immer schließen. Im Juli und August ist daher Räumungsverkauf angesagt.

Die Geschichte des alten Hauses und seiner vielen Bewohner gewährt einen kleinen Einblick in Schicksale und Lebenswege vergangener Generationen.

Dies bietet einen passenden Hintergrund für die Arbeit mit Familien , Paaren und Einzelpersonen in der systemischen Praxis von Ilona Schwertner-Welker. Seit Februar praktiziert die Heilpraktikerin für Psychotherapie und studierte Diplom-Psychologin in ihren eigenen Räumen in der Hauptstraße 73. Wie die Geschichten der Menschen deutlich zeigen, ist der Einfluss, den die Erfahrungen aus Kindheit und Jugend haben, nicht zu unterschätzen. Ilona Schwertner-Welker: „Hier lernen wir die Melodie des Lebens. Eingebettet in die Familie und Lebensumstände entwickeln wir unser Denken, Fühlen und Handeln. Da Entwicklung lebenslang stattfindet, ist Veränderung immer möglich.“