Militärische Kriegsspiele in den Waldgebieten rund um Herzogenaurach waren bis zum Ende des Kalten Kriegs praktisch an der Tagesordnung. Unvermittelt standen Pilzsucher martialischen Trupps gegenüber, die den Abschuss riesiger Lance-Raketen probten oder in Schutzanzügen im Dohnwald Chemiewaffen-Übungen abhielten. Alljährliche Großmanöver der Nato sandten Zeichen der militärischen Stärke in Richtung Ostblock.

Begonnen hatte für die fränkische Kleinstadt alles vor 50 Jahren mit einem Wachwechsel auf der amerikanischen Militärstation Herzo Base. So betont unauffällig, wie sie ihren Dienst seit dem Einzug im Jahr 1947 versehen hatten, verabschiedeten sich die Aufklärungsspezialisten der US Army Security Agency, einer Spionage-Einheit der amerikanischen Landstreitkräfte, die mit ihrem Antennenwald auf dem Hochplateau nördlich der Aurachstadt die Länder des feindlichen Ostblocks überwachte. Sie wurden nach Augsburg verlegt und machten Platz für Einheiten der US-Artillerie, mit deren Ankunft der Stützpunkt neue Brisanz erlangte.

Im Ernstfall mit nuklearen Sprengköpfen

Im Sommer 1971 traf zunächst der Stab der 210th Field Artillery Group als Vorabkommando in Herzogenaurach ein. Als die Offiziere zum Antrittsbesuch bei Herzogenaurachs Bürgermeister Hans Ort anmarschierten, machte sich Sorge breit. Zur Ausrüstung der Truppen gehöre ein beachtliches Waffenarsenal , erläuterten die Militärs und präsentierten kleine Modellpanzer: 40 Stück der größten selbstfahrenden Feldhaubitzen des Typs M 110, rund 30 Tonnen schwere Kolosse, werde die 3/37th Field Artillery aus Dachau mit an die Aurach bringen. Daneben werde das 1. Bataillon der 33rd Field Artillery zusammen mit Kurzstreckenraketen aus Ansbach verlegt. Die damals schon veralteten Honest John mit einer Reichweite von kaum 50 Kilometern wurden bereits drei Jahre später durch Lance-Raketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern ersetzt. Hinzu kämen sechs Militärhubschrauber sowie eine ganze Kollektion von schweren Transportanhängern und Abschusslafetten für die Raketen. Sowohl die Haubitzen als auch die Kurzstreckenraketen waren Gefechtsfeldwaffen und konnten als Trägersysteme für den Abschuss von sogenannten Mini-Nukes, taktischen Atomwaffen , eingesetzt werden - daraus machten die Militärs keinen Hehl.

Im Ernstfall sollten die Artillerie-Einheiten im nordbayerischen Raum im Rahmen der Nato-Doktrin "Flexible Response" eingesetzt werden, um den anrückenden Gegner möglichst kurz hinter der tschechischen Grenze aufzuhalten und "nicht erst am Rhein". Und das mit nuklearen Sprengköpfen.

"Bereit, zu sterben"

Auch den auf der Herzo Base stationierten US-Soldaten war die reale Gefahr durchaus bewusst: "Ich denke, wir alle wussten, dass der Kalte Krieg kein Scherz war, und wir waren bereit, zu sterben, wenn es sein musste. Wir waren die niedrigste Stufe in der US-Armee , die über Atomwaffen verfügte. Ich denke, die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften haben das sehr ernst genommen." Charles Frank Stoddard, der in den 1970ern drei Jahre lang auf der Herzo Base diente, kommt bis heute gerne in die Aurachstadt zurück.

Auch Acting Sergeant Starnes, der mit der Raketeneinheit 2/377th Field Artillery im "deutschen Herbst" 1977 Dienst auf der Herzogenauracher Militärstation leistete, berichtet von dieser Zeit: "Früher erzählte ich Freunden und Familie, dass ich auf einer Basis mit taktischen Atomraketen stationiert war, und sie waren verblüfft, dass wir die in Deutschland hatten, und auch darüber, dass wir sie als First-Strike-Option nutzen würden."

Nach der Logik der Militärstrategen lag Herzogenaurach in der ersten Kampflinie einer "Vorneverteidigung". Die Trägersysteme waren vorhanden, doch lagerten die Atomsprengköpfe tatsächlich vor Ort, wie Internetseiten berichten? Vermutlich nicht. Nach Berichten von ehemaligen US-Soldaten der Special Weapons Section, die für den Transport und Einsatz zuständig war, wurden die Raketen nur im Alarmfall, etwa bei Manövern von Ostblockstaaten, in Stellung gebracht. Auf dem Luftweg holten die US-Soldaten dann mit Transporthubschraubern die atomaren Gefechtsköpfe im ehemaligen Sondermunitionslager Nato Site 23 bei Feucht ab und setzen sie vor Ort auf die vorhandenen Lance-Raketen.

Gefühlt "wie auf einer Zielscheibe"

In den streng bewachten Atombunkern südlich des Army Air Field bei Feucht lagerten die Amerikaner bis 1992 nicht nur Atomsprengköpfe für die im Raum Nürnberg stationierten Einheiten, sondern auch biologische und chemische Waffen . Turnusmäßig bewacht auch durch Truppen der Herzo Base, die diese Aufgabe aber sehr ungern und mit schlechtem Gefühl versahen, wie GIs berichteten: Auf dem Wachturm hätte man sich gefühlt "wie auf einer Zielscheibe".

Unterschwellig präsent war in Herzogenaurach die Sorge, zum Schlachtfeld eines konventionellen oder mit taktischen Atomwaffen geführten Konfliktes zu werden, doch erst die Friedensbewegung trug das Thema Anfang der 1980er Jahre in die Öffentlichkeit.

Mit Verabschiedung des Nato-Doppelbeschlusses war die Stimmung endgültig gekippt. Die neue Eskalation im atomaren Wettrüsten der Supermächte und die elementare Angst vor einer "Verteidigungspolitik, die für die Verteidigten keine Überlebenschance bedeutet", brachten die Herzogenauracher zu Beginn der 1980er Jahre auf die Beine. Aus Angst vor dem Atomkrieg knüpfte die Friedensbewegung an die Ostermarsch-Bewegung der 1960er Jahre an. "Die Bürger aufrütteln", lautete eins ihrer Ziele, um "ein Bewusstsein zu schaffen für die ganz reale Bedrohung".

Im Jahr 1990 erreichte die Zahl der Amerikaner in Herzogenaurach mit 2200 einen letzten Höchststand. Zusätzlich zu den exakt 1230 Artilleriesoldaten und Armee-Angehörigen lebten 970 Familienangehörige in Herzogenaurach . Bereits ein Jahr später begann der Abschied auf Raten. Im Zuge des Feldzugs "Desert Shield" wurde die 210th Artillery Brigade zur "Mutter aller Schlachten" gegen Saddam Hussein an den Persischen Golf verlegt. Kurz nach ihrer Rückkehr war klar: Die in Herzogenaurach stationierten Truppenteile des 7. US-Armeekorps würden die Stadt nach 30 Jahren verlassen und in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Mit dem Abzug der US-Truppen kehrte zumindest in Herzogenaurach etwas Frieden ein - und es eröffnete sich für die Stadtentwicklung eine Jahrhundertchance.