Leserbrief zur Coronakrise und dem FT-Artikel "Visiere als Schutz" vom 28. April: Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr mit Leib und Seele Verkäuferin. Auch während der Erziehungsjahre ging ich immer mit arbeiten. Seit 20 Jahren bin ich nun in einem Supermarkt - angekommen.

Bin jetzt 58 Jahre, die Kinder sind groß und außer Haus. Meine Arbeit ist mein Hobby, schön, wenn man das sagen kann. Natürlich geht man auch arbeiten, um Geld dazuzuverdienen.

Die letzten Jahre ging es mir gesundheitlich nicht gut. Mehrere Krankenhaus-Aufenthalte. Keine Diagnose. Im Juli 2019 totaler Zusammenbruch. Bis mein Zahnarzt mir riet, einmal ins Schlaflabor zu gehen. Jackpot. Da stellte man fest, dass im Schlaf meine Sauerstoffsättigung nur bei 50 Prozent lag. Dadurch war ich jahrelang immer so schlapp, müde und antriebslos, was ich von mir nicht kannte. Im August 2019 Schlafmaske, im November Reha. Seit Februar 2020 wieder auf Arbeit. Herz hat sich erholt, Gehirn hat sich erholt, das hängt ja alles zusammen. An jedem freien Tag gehe ich wieder joggen und bin topfit.

Dann kam Corona: Ich und meine Kolleginnen gaben alles, als die Leute im Klopapier- und Hamstereinkaufswahn waren.

Nach vier Wochen Corona kam auch bei uns eine Verblendung an die Kasse. Dann kam die Maskenpflicht. Unser Chef hat uns sehr schöne Gesichtsvisiere besorgt. Da war meine Angst erst mal unbesorgt. Ich glänzte und strahlte und bekam genug Luft, Brille lief nicht an. Super. Kein Druck aufm Herzen wegen zu wenig Sauerstoff.

Auch Herr Landrat ließ sich in verschiedenen Zeitungen mit Gesichtsvisier fotografieren. Ich zitiere: "Es müssen nicht immer Gesichtsmasken aus Stoff sein."

Seit Donnerstagnachmittag ein herber Schlag oder Schikane, anders kann ich es nicht nennen.

Das Visier ist nicht ausreichend, es muss noch ein Mundschutz dazu getragen werden. Also! Erstens Schutz an der Kasse, zweitens Gesichtsvisier, drittens Mundschutz. Dreifach Hochsicherheitstrakt.

Ich bin Brillenträgerin und muss, sonst sehe ich nichts, soll arbeiten, kassieren und sprechen. Habe Atemprobleme, beschlagene Brille und mein Herz macht sich auch wieder bemerkbar durch zu wenig Sauerstoff. Das sechs Stunden. Nach einer halben Stunde ist der Mund- und Nasenschutz feucht. Mit dem Visier war das alles nicht der Fall. Wir lachten, machten Späßchen mit unseren Kunden (wofür wir bekannt sind) trotz dieser belastenden Situation für uns alle.

Was war in den ersten vier Wochen, wer hat an uns gedacht? Auch meine Familie hat sich große Sorgen um mich gemacht und wollte, dass ich zu Hause bleibe aufgrund meiner Vorgeschichte.

Da waren wir Helden

Aber was wäre gewesen, wenn jeder so gedacht hätte? Da wäre es wirklich zu ganz schönen Engpässen im Lebensmittelhandel gekommen. Da waren wir die Helden ... hahaha.

Was wird mit den Gesichtsvisieren gemacht, die in der Auguste-Kirchner-Realschule hergestellt worden sind? Wo werden die eingesetzt oder waren die nur für ein Pressebild? Oder sind die erlaubt? Wenn ja, würde ich gerne eine haben und meinen Kolleginnen eine spendieren, damit wir gesund bleiben und einen guten Job weiterhin durch diese Zeit machen können.

Vor allem möchte ich meine neu erkämpfte Gesundheit nicht wieder verlieren und meinen Chef und Kolleginnen unterstützen. Ich habe doch nur ein Leben.

Ich muss jetzt ein ganz großes Zeichen meiner Sorge, Ohnmacht und Verzweiflung setzen. Vielleicht liest es jemand, der uns helfen kann, dass wir diese Gesichtsvisiere wenigstens als Kassiererinnen hinter der Verglasung tragen dürfen.

Evi Feuerlein

Ebelsbach