Sie sitzt da, mitten in der Aula des Berufsschulzentrums und liest in einer überdimensional großen Zeitung. "Glücksspiel grassiert! Die ganze Stadt ist glücksspielsüchtig", steht plakativ in großen Buchstaben auf der Titelseite.
Gunhild Scheidler, Suchttherapeutin in der Fachstelle Glücksspielsucht der Diakonie Bayreuth, tut nichts, außer die Zeitung in der Hand zu halten. Sie hofft, dass die Schüler, die gerade Pause haben, neugierig sind und mitlesen.


Indirekte Aufklärung

Langsam kommen Hans Jelten und Michel Wittmann näher. Neugierig schauen sie sich die Zeitung an und fangen an zu lesen. "Schon krass, dass ungefähr so viele Leute in Bayern glücksspielsüchtig sind wie Bamberg Einwohner hat." Der 17- jährige Hans ist sehr erstaunt darüber, was er auf der Titelseite liest.
Die Suchttherapeutin möchte ihre Informationen über Glücksspielsucht vermitteln, ohne die Schüler dabei direkt ansprechen zu müssen. "Denn eine direkte Ansprache würden die Jugendlichen sicherlich verweigern", begründet Scheidler ihr Vorgehen.
Die beiden Jungs haben selbst schon einmal ihr Glück am Spielautomaten versucht. "Wir sind mit zehn Euro hingegangen, um es einfach mal auszuprobieren. Wir haben alles verloren: unser Geld und den Reiz am Glücksspiel", lacht Hans.


Kuriose Aktionen

Hans und Michel finden die Aktion von Gunhild Scheidler grundsätzlich gut und interessant, glauben aber, dass viele den Text nur im Vorbeigehen überfliegen. Für Suchttherapeutin Gunhild Scheidler ist es auch nicht wichtig, dass die Schüler alles genau durchlesen, solange die Hauptaussagen der Zeitung ankommen: viele Leute sind von der Spielsucht betroffen - und es gibt professionelle Hilfe für diejenigen. Jedes Jahr zum bundesweiten Aktionstag gegen Glücksspielsucht denkt sich die Suchttherapeutin eine ungewöhnliche Aktion aus. Einmal hat sie beispielsweise ein Auto der Diakonie vor einer Spielhalle geparkt. Auf dem Autodach befand sich ein Umzugskarton mit provokativen Fragen, wie "Wie viel hat dein Gratisdrink heute gekostet?" oder "Macht Glücksspiel dich glücklich?".
Reaktionen auf ihre Aktion hat Scheidler nicht bekommen, da sie sich absichtlich von dem Auto entfernt hat, damit die Passanten sich die Sache ungestört ansehen können.


Suchtberatungsstelle hilft

Auch die Zeitung im Berufsschulzentrum ist so konzipiert, dass sie nicht sehen kann, wer gerade mitliest und die Schüler sich unbeobachtet fühlen können.
Scheidler erwartet bei solchen Aktionen keine unmittelbare Reaktion, etwa einen sprunghaften Anstieg der Anmeldungen zur Suchtberatung. Ihr Ziel ist es, die Menschen zu informieren und ihnen zu zeigen, dass es Hilfe für Betroffene gibt.
Im nächsten Jahr möchte Gunhild Scheidler eine neue provokative Aktion mit Schülern eines Gymnasiums in Bayreuth entwickeln.
"Spielsucht ist bei uns an der Schule glücklicherweise nicht aktuell, solange Pokémon GO nicht dazu zählt", so Joachim Meier, Leiter des Berufsschulzentrums. Er sieht die Aktion als Prävention, um Schüler und Lehrer aufzuklären, wie er betont.