Für gewöhnlich hängen hier Hemden und Hosen. Doch an diesem Tag im Frühjahr 2015 ist alles anders. Heute baumelt hier, im alten Kleiderschrank aus stabilem Eichenholz, ein Mikrofon. Vorsichtig steigt Sandro Weich hinein. Der Musiker produziert gerade sein erstes eigenes Solo-Album im Alleingang. Ein Tonstudio? Zu teuer, also muss der eigene Schrank im Schlafzimmer herhalten. Langsam zieht er hinter sich die Tür zu. Und beginnt zu singen.
Zwei Jahre später steht Sandro Weich nicht mehr im Schrank, sondern mit seinem Singer-Songwriter-Projekt "He Told Me To" regelmäßig auf der Bühne - rund 50 Mal im Jahr. Er steht dort, wo er lange Zeit gar nicht hinwollte. Denn auch die zahlreichen Erfahrungen, die er in den Jahren zuvor als Gitarrist und Sänger sammeln konnte, geben ihm an diesem Ort nur wenig Halt: "Ich bin vor Konzerten unausstehlich", gesteht er, "bin den kompletten Tag über angespannt, weil man immer im Kopf hat, was alles schieflaufen könnte." Halt gibt ihm in diesen Situationen Janine, seine Freundin. Sie unterstützt Sandro Weich, baut ihn auf, wenn es auch mal nicht rund läuft. Wenn Konzerte mal schlecht besucht sind, wenn das Publikum mal kein Feuer fängt. Und gleichzeitig erdet sie ihn, wenn sich nach und nach die ersehnten Erfolge einstellen: die erste und die zweite eigene Platte, das erste Musikvideo, der nächste große Auftritt.


Mit dem Keyboard fing's an

Sandro Weich, geboren 1991 in Lichtenfels, entstammt keiner traditionellen Musikerfamilie, die ihm seinen Weg vorgab: "Klar, Mutter spielte Akkordeon, aber mein Vater war und ist so ziemlich das absolute Gegenteil von musikalisch. Für ihn ist Musik gut, wenn sie nicht stört", scherzt er. Also klimperte der junge Sandro Weich mit sechs Jahren auf dem ersten eigenen Keyboard, stieg zwei Jahre später auf die Gitarre um und spielte, ohne es eigentlich je gewollt zu haben, mit 14 als Gitarrist in einer ersten Band.
Man coverte Songs, "vornehmlich Red Hot Chili Peppers", erinnert er sich. All das ging Sandro Weich nicht weit genug: 2008, nachdem er zuvor begonnen hatte, eigene Songs zu schreiben, gründete er seine eigene Alternative-Band, "Petty Tyrant". Doch er sehnte sich nach mehr, er wollte Musik zum Mittelpunkt seines Lebens machen, wollte von ihr leben können. So fand er sich von nun an alleine auf der Bühne wieder: mit seinem Solo-Projekt "He Told Me To".
Sandro Weich wählte mit der Musik die größtmögliche Freiheit, die für ihn jedoch gleichzeitig Ungewissheit und Unsicherheit bedeutete. Ein Grund, dass er nach dem Abitur so ganz ohne Faustpfand nicht konnte und wollte, dass er sich gegen den lange gehegten Traum eines Studiums der Musik entschied. "Ich hatte viel zu viel Schiss, mich zu bewerben", erinnert er sich. "Letztendlich habe ich also die feige Variante gewählt und mir ein zweites Standbein angeschafft."


Musik an erster Stelle

Er studierte Soziale Arbeit in Coburg, wo er noch heute lebt, und wagte mit dieser Sicherheit nun den Schritt in das Leben, in dem er niemandem Rechenschaft schuldig ist außer sich selbst, in dem die Musik - zumindest beruflich - an erster Stelle steht.
Inspiration, die sein frühes musikalisches Schaffen entscheidend mitprägte, fand der junge Sandro Weich in den schlichten und gleichermaßen tiefgründig-melancholischen Songs der Grunge-Band "Nirvana": "Diese Musik", so erinnert er sich, "war eingängig, einfach und dadurch der Motivationsschub, selber kreativ zu werden." Und die Melancholie, die ist heute mitunter Teil seiner eigenen Musik, vor allem jedoch Teil seiner selbst: "Ich leite meine dunkle und sensible Seite um, in etwas Gutes, etwas Positives - und das ist meine Musik." So veröffentlichte er bereits zwei Alben mit Songs, die seinem Kopf und seiner Feder entstammen, die "zugängig und vielfältig" sein sollen, aber "nicht einfältig".
Entsprechend verortet Sandro Weich sich und seine Musik im "Indie-Pop", einem Genre, das ihn durch seine Vagheit nicht festlegt und ihm so Freiheiten lässt, die er dann wiederum in seine Songs packt. Denn "sich auf eine Schiene festzufahren", so erzählt er, das möchte er "verhindern".


"Wie Hunger und Durst"

Musik machen bedeutet für Sandro Weich Freiheit. Und gleichzeitig, so sagt er, ist es "ein Drang, tief im Inneren, der ebenso essenziell ist wie Hunger und Durst". Im eigenen Kleiderschrank steht und singt er dafür nicht mehr, denn sein zweites Album, das Ende März 2017 erschien, produzierte er erstmals professionell in einem Erfurter Tonstudio.
Somit findet er sich heute an einem Punkt wieder, an dem die Musik seinen Lebensunterhalt sichert. Doch absolute Sicherheit, die gibt es in seinen Augen nicht. "Das Schlimmste für mich wäre es, den Punkt zu erreichen, an dem nichts mehr geht, an dem der Zenit quasi ein Plateau ist - auf dem man sich einerseits musikalisch nicht mehr weiterentwickelt und auf dem man andererseits von der Musik nicht mehr leben kann", erzählt er nachdenklich. Aber Sandro Weich möchte dieses Risiko tragen, mit all seinen Schwächen und Stärken. Bedingungslos. Man spürt: Es ist das, was ihn ausmacht. Und er weiß: "Es ist das, was ich am besten kann!"