tobias herrling Kiel — Räumlich trennen Coburg und Kiel knapp 600 Kilometer. Sportlich ist die Distanz zwischen dem Rekordmeister und dem Aufsteiger mindestens genauso groß. Am Samstagabend waren es beinahe Welten. Der THW hatte mit dem HSC keine Mühe und fügte Coburg die höchste Saisonniederlage zu.

1. Bundesliga

THW Kiel -

HSC Coburg 41:26 (22:13)

Zur Halbzeit dürfte mancher Statistikliebhaber einen Blick ins Archiv gewagt und nach der höchsten Bundesliga-Niederlage der Oberfranken geschaut haben. Die datierte aus dem Dezember 2016, als der HSC in der heimischen HUK-Arena gegen den SC Magdeburg mit 27:42 unterlag. Rund vier Jahre später schien es, dass der HSC nicht nur eine heftige, sondern auch eine historische Klatsche an der Ostsee kassieren würde.

Beim 35:18 (49.) durch Rune Dahmke und dem 39:22 (54.) durch Oskar Sunnefeldt hatte der Kieler Vorsprung seinen Höchststand erreicht. Nach 60 ungleichen Minuten leuchtete ein 26:41 aus Gäste-Sicht auf der Anzeigetafel. Immerhin: Der HSC entging der höchsten Niederlage seiner Bundesliga-Geschichte. Um das Ergebnis einzuordnen, lohnt unter anderem ein Blick auf die Aufstellungen in der Schlussphase. Beim HSC stand die junge Garde um Fabian Apfel, Felix Dettenthaler, Paul Schikora und Justin Kurch auf dem Feld und beim THW Nationalspieler wie Sander Sagosen, Harald Reinkind oder Patrick Wiencek. HSC-Trainer Alois Mraz hatte das klare Ergebnis längst genutzt, um den jungen Spielern Spielpraxis zu geben und etwa Linksaußen Felix Sproß wieder auf der Mitte zu probieren. Mraz musste aber auch improvisieren.

Rückraum schrumpft weiter

Der etatmäßige Rechtsaußen Florian Billek agierte eine ganze Weile im rechten Rückraum - und zeigte dort nach einem schwachen Start ins Spiel eine gute Leistung. Coburgs bester Werfer an diesem Abend war im Rückraum gefordert, weil sich mit Pontus Zetterman der letzte verbliebene Linkshänder auf dieser Position am Oberschenkel verletzte. Der HSC-Rückraum, er schrumpfte immer weiter zusammen. Nach dem Aufwärmen winkte Pouya Norouzi Nezhad ab, sein aus dem Wetzlar-Spiel lädiertes Sprunggelenk machte einen Einsatz unmöglich.

Mit Andreas Schröder, Tobias Varvne, Christoph Neuhold und Zetterman standen lediglich vier gelernte Rückraumspieler zur Verfügung. "Der Unterschied hätte größer nicht sein können", sagte dann auch Jan Gorr, Geschäftsführer des HSC, nach einem Spiel, das frühzeitig entschieden war und für Kiel einem besseren Trainingsspiel glich. Bis zur zehnten Minute hielten die Gäste mit, dann machte sich die individuelle Qualität des THW mehr und mehr bemerkbar. Bis dahin wusste der HSC aber zu gefallen - wie etwa beim 7:7 (10.) durch Zetterman, als Stepan Zeman in Bedrängnis den eingelaufenen Schweden in Szene setzte. Doch bereits in der Anfangsphase zeigte sich das, was sich durch die ganze Begegnung ziehen sollte: Coburgs schwache Abschlussquote. Billek verwarf zwei Siebenmeter, Sproß vergab zwei freie Würfe. Die Folge: Kiel hatte wenig Mühe, sich abzusetzen. Im Angriff zeigte Sunnefeldt sein bestes Spiel im THW-Trikot, und in der Abwehr zeichnete sich Torwart Dario Quenstedt ein ums andere Mal aus.

"Es war genau so, wie man sich solche Spiele vorstellt. Wir sind froh, dass wir unsere Leistung abrufen konnten", sagte Quenstedt nach dem Spiel. 48 Stunden zuvor verlor der THW in der Champions-League gegen den FC Barcelona (26:32) - und wollte offensichtlich Wiedergutmachung betreiben. Die Neun-Tore-Führung zur Pause baute Kiel nach der Halbzeit schnell in den zweistelligen Bereich aus. Weil sich Coburg immer wieder an der Abwehr aufrieb und viele Fehler produzierte - das bestrafte der THW mit gnadenlosem Tempospiel. "Es ist nachvollziehbar, wie so ein Ergebnis zustande kommt. Kiel lässt einfach nicht nach", sagte Gorr.

Besser als in Wetzlar

Der Geschäftsführer nahm aber auch Positives aus dem Spiel mit: "In Wetzlar hat die Körpersprache überhaupt nicht gepasst. Das war diesmal anders. Die Jungs haben sich nicht aufgegeben." Dass die jungen HSC-Spieler wertvolle Erfahrungen sammelten, sei eine weitere positive Erkenntnis.