Es erfordert die Konzentration aller Kräfte, sich in einem fremden Land eine neue Existenz aufzubauen. "Ich weiß gar nicht, wie alles sein würde, hätte ich Alexandra Böhm nicht", sagt Eman Alkhateb, die im Februar 2017 aus Syrien in den Kreis Haßberge kam. Alexandra Böhm, von der sie gerade in den höchsten Tönen schwärmt, ist "ihre" Jobbegleiterin. Als Mitarbeiterin des Kolping-Bildungszentrums Schweinfurt hilft Böhm seit Januar Menschen mit Migrationshintergrund, eine Stelle im Raum Haßfurt zu finden.

Eman Alkhateb hat in Syrien über Jahre als Juristin gearbeitet. "Doch meine Zeugnisse werden in Deutschland nicht anerkannt", sagt die 43-Jährige. Das ist nachvollziehbar, schließlich existiert in Syrien ein komplett anderes Rechtssystem. Eman Alkhateb ist bereit, in ihrer Wahlheimat etwas völlig Neues zu lernen. "Ich könnte mir gut vorstellen, mit Kindern zu arbeiten", sagt die fünffache Mutter, die gut Deutsch spricht. Mit Hilfe von Alexandra Böhm bewarb sie sich bei einer Kinderpflegeschule: "Noch habe ich keine Antwort erhalten, aber ich hoffe sehr, dass es mit der Ausbildung klappt!"

Alexandra Böhm ist gelernte Übersetzerin , und es ist ihr, wie sie deutlich macht, ein persönliches Anliegen, denjenigen, die zu ihr kommen, umfassend zu helfen, damit der berufliche Einstieg in Deutschland klappt. Gerade Eman Alkhateb ist für sie mehr als nur eine Klientin: Das intensive Miteinander im Kolping-Projekt "Jobbegleiter" fühlt sich, auch bei all dem professionellen Input, wie eine Freundschaft an. Das erleichtert es der syrischen Rechtsanwältin, sich in ihrer neuen Heimat zu integrieren.

Nicht nur Eman Alkhateb interessiert sich sehr für eine Ausbildung in Deutschland, obwohl sie schon über 40 ist. Eine andere Projektteilnehmerin aus Afghanistan will ebenfalls eine Lehre beginnen. Sie hatte in ihrem Heimatland Englisch studiert. "Ihr Herzenswunsch ist es, hier eine Ausbildung zur Friseurin zu absolvieren", sagt Böhm. Die studierte Anglistin brächte Vorerfahrungen mit. Schon in Afghanistan besuchte sie Frisierkurse: "Nun möchte sie den Beruf intensiv kennenlernen." Noch hat die Frau keinen Ausbildungsplatz . Böhm sucht für sie erst einmal einen Praktikumsplatz im Friseursalon und vermittelt ihr einen Job als Schulbegleiterin.

Selbst ein Minijob ist besser als gar nichts, und so streckt Alexandra Böhm stets nach allen Seiten ihre Fühler aus. Im Moment hat sie es mit einem besonders kniffeligen Fall zu tun: Ein gesundheitlich stark angeschlagener Mann, der aufgrund seiner Erkrankung große Angst hat, sich mit Corona zu infizieren, sucht für wenige Stunden in der Woche eine Arbeit. "Der Mann war in Syrien erst in einer Autowerkstatt und später selbstständig als Busfahrer tätig", schildert Böhm. Für ihn fand die Jobbegleiterin eine Putzstelle bei einem Busunternehmen: "Dorthin hatte ich schon mal eine Frau vermittelt, die inzwischen Busfahrerin ist."

Alexandra Böhm kann sich sehr gut in ihre Klienten hineindenken, denn sie selbst lebte viele Jahre in Spanien im Ausland. Als Jobbegleiterin arbeitet sie mit der Caritas , dem Roten Kreuz und dem Jobcenter in Haßfurt zusammen. Intensiv ist die Kooperation mit dem Landratsamt - und dort mit Integrationslotsin Siza Zaby. Für Zaby ist der Kontakt zu Alexandra Böhm nach nur zwei Monaten bereits unersetzbar: "Das Kolping-Bildungszentrum schloss mit seinem neuen Projekt eine echte Lücke."

Von vorne anfangen in der Fremde

Es sei sehr schwierig, in einem fremden Land noch mal von vorn anzufangen, bestätigt Zaby, die selbst aus Syrien stammt und durch eine Heirat vor über 30 Jahren in den Landkreis Haßberge kam. Vor allem die Jobsuche könne äußerst zermürbend sein - gar jetzt in den Corona-Zeiten: "Manche Neuzugewanderten sind deshalb psychisch am Ende." Schlimm sei, dass einige Geflüchtete, die einen Job ergattert hatten, durch die Pandemie neuerlich erwerbslos wurden. Für all diese Menschen stelle Alexandra Böhm aufgrund ihrer engagierten Arbeit einen Lichtblick dar. Berät Alexandra Böhm, guckt sie nicht auf die Uhr und macht sofort Schluss, wenn die anvisierte Zeit um ist. "Sie hat so viel Geduld", schwärmt Eman Alkhateb.

Vermittlungsarbeit braucht Geduld

Ohne diese Geduld würde es aber auch nicht möglich sein, die Menschen langfristig in Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln. Jeder Klient ist völlig unterschiedlich, es gibt kein Schema F in der Vermittlungsarbeit. Da sind etwa jene Männer und Frauen, die, wie Eman Alkhateb, ein Studium absolviert haben. Böhm: "Andere gingen höchstens sechs Jahre zur Schule." Ohne, dass sich daran eine Ausbildung angeschossen hätte: "Sie jobbten hinterher zum Beispiel beim Bruder in der Werkstatt."

Aktuell bietet Böhm Beratungen über das Handy an. Das funktioniert gut. Wer mag, kann sich mit ihr zu einer Videokonferenz treffen. Eman Alkhateb nutzt das rege. Eben erst chatteten die beiden Frauen wieder länger miteinander. Sie wollen nochmal bei der Kinderpflegeschule nachhaken.