Kreis Haßberge — Leon hat seine Lehrerin seit Wochen nicht gesehen, genauso wenig seine neuen Klassenkameraden. Und das wird noch für einige Zeit so bleiben. Seine Aufgaben bekommt der Bub aus einem Dorf im Norden des Landkreises Haßberge übers Internet, aber dem Drittklässer fehlt das Sitzfleisch, sagt seine Mutter. "Ich kann mich nicht ständig daneben hinsetzen, mit den beiden Kleineren an der Backe." Maria B. (Namen geändert) redet offen über ihre Probleme, nur namentlich in der Zeitung auftauchen will sie nicht. Sie weiß, dass ihre Familie zu denen gehört, die als "sozialschwach" gelten, aber darunter soll Leon nicht leiden. Offiziell Hilfe anfordern? "Nein, die Klassenkameraden würden ihn dann nur hänseln", meint sie. "Der schafft das schon, irgendwie, aber er ist halt so chaotisch." Maria B. wünscht nichts sehnlicher herbei, als dass bald wieder geregelter Unterricht stattfindet.

Diesen Wunsch teilt Claudia Schmidt. "Die Eltern sind im Moment wirklich besonders gefordert", weiß die Leiterin des Schulamts in Haßfurt. Die Behörde betreut die Grund- und Mittelschulen im Landkreis. "Zuweilen kann es durch Lebensumstände zur Überforderung kommen, wofür man vollstes Verständnis haben muss."

Freilich, es gibt Angebote wie die Notbetreuung, Videokonferenzen, Lernplattformen, ausgeweitete Telefonsprechzeiten oder Plattformen auf der Schulhomepage, über die Fragen der Eltern rasch beantwortet werden. Im Distanzunterricht mischen sich digitale und analogen Anteile, wobei laut Claudia Schmidt an Grundschulen altersbedingt das analoge Arbeiten überwiegt. Lehrer und Schulleitungen sind da erfindungsreich, halten je nach technischen Möglichkeiten und Jahrgangsstufen auch über Telefon und mit Textnachrichten Kontakt zu ihren Schülern . Das geschieht ganz individuell. Jede Schule habe so, auch im Kontakt mit den Familien, ihre eigenen Wege gefunden.

Vom Kultusministerium gibt es digitale Fortbildungsangebote für die Pädagogen ; aber in der konkreten Lockdown-Situation, in der rasch passende Konzepte für den Unterricht vor Ort gestrickt werden mussten, läuft es vor allem durch das Engagement der Lehrer, die sich laut Schulamtsdirektorin eigenständig vieles aneignen und gegenseitig austauschen. "Unsere Schulleitungen organisieren und unterstützen den Austausch sehr fürsorglich", lobt Schmidt.

Kinder wie Leon brauchen jetzt weniger digitale Finessen als die Zuwendung und Nähe durch die Lehrer, Motivation durch geschulte Pädagogen und feste Strukturen. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo wird nicht müde, an die Eltern zu appellieren, sich nicht allzu große Sorgen zu machen, auch nicht wegen Leistungsnachweisen oder den anstehenden Zwischenzeugnissen. Man tue alles dafür, faire Bedingungen für alle Schüler zu schaffen. Andererseits räumt Piazolo ein: "Selbstverständlich ist es so, dass es Lernrückstände geben wird." Und ihm ist bewusst, "dass wir nicht jeden erreichen". Die Sozialgemeinschaft Schule , das Voneinanderlernen in den Klassen, fehlt zurzeit. "Das soziale Lernen leidet ohne Zweifel im Distanzunterricht", bestätigt Claudia Schmidt. "Wir hoffen sehr, dass wir für unsere Schüler so bald wie möglich wieder ein Lernen im Klassenzimmer haben werden."

Die Kluft vergrößert sich

Ein Teil der Kinder kommt mit der aktuellen Situation schlecht oder überhaupt nicht zurecht, andere sind von sich aus leistungsstark, tun sich grundsätzlich leichter oder erhalten gerade jetzt viel Unterstützung in einem beschützten und womöglich privilegierten Elternhaus.

Nicht jedes Kind sei in der Lage, sich selbst zu organisieren und selbstständig zu lernen, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Erst recht nicht, wenn es, wie in Leons Fall, mit mehreren Geschwistern und den Eltern auf engem Raum lebt. Da bleibe oft kein Platz und keine Ruhe zum Lernen. Die BLLV-Präsidentin prophezeit, dass sich die soziale Schere durch Corona weiter spreizen werde. Sie denkt dabei nicht zuletzt an Familien mit Migrationshintergrund.

Dem versucht man laut Haßfurter Schulamt durch spezielle Betreuungsangebote von Förderlehrern zu begegnen oder mit Beratungslehrern, die bei Bedarf bis an die Haustüre gehen. Die Situation könne sich entspannen, meint Claudia Schmidt, wenn Schüler , Lehrer und Eltern im regen Austausch stehen, "wenn man um die Nöte des anderen weiß und miteinander handelt".

Keine Probleme hat der neunjährige Noah aus Untermerzbach, der den Distanzunterricht "mit Erklärvideos und so" richtig cool findet. Er wird daheim unterstützt; seine Mutter, eine Friseurmeisterin, ist wegen des Lockdowns ohnehin Zuhause. Auch Isabella (10) kommt prima zurecht, "und wenn ich ‘was nicht weiß, dann frag ich halt Mama und Papa". Besonders interessiert sie HSU, Heimat- und Sachunterricht, in dem gerade das Auge auf dem Lehrplan stand. Isabella will nämlich mal Fotografin werden.

Toll finden Schüler und Eltern die Idee der Grundschule im Itzgrund, jeweils zweimal die Woche, montags und mittwochs, Fenster am Schulgebäude zu öffnen. Dort stehen die Klassenlehrerinnen jeweils für drei Stunden wie an einer Theke bereit, um Mappen mit Aufgaben, Unterrichtsmaterialien und korrigierten Arbeiten auszugeben, bzw. die erledigten Aufgaben in Empfang zu nehmen. In ein paar Tagen sieht man sich an gleicher Stelle wieder. So bleiben die Kinder auf dem Laufenden und lernen - wohl dosiert - ein Stück weit das selbstständige Arbeiten und sich zu organisieren.

Kostbare Augenblicke

Vor allem aber ist es der kleine Plausch, der ganz individuelle Kontakt zur Lehrerin, der alle mitreißt. Nebenher erfährt die Pädagogin im Gespräch mit den Eltern , wie es mit dem Lernen zu Hause so läuft. Aus Sicht von Anja Schmidt, Leiterin der kleinen Schule im Itzgrund, sind diese regelmäßigen Kontakte, und seien es nur wenige Augenblicke, im Moment unersetzlich. Sie und ihr Team sind heilfroh, dass sie zwischen September und der Schließung der Schulen vor den Weihnachtsferien zumindest für gut zwei Monate Präsenz-Unterricht halten konnten. So konnten die Lehrer gerade in den unteren Klassen ihre Zöglinge kennenlernen, und die Abc-Schützen konnten zumindest ein wenig Schulluft schnuppern. Diese Zeit sei kostbar gewesen, um sich ein Bild zu machen. "Als Lehrer erfasst man die Kinder sehr schnell", weiß die Rektorin, die in der Kombiklasse 1/2 unterrichtet.

"Bei der Beurteilung und Einschätzung der Leistungen sollten die Eltern auf das fachliche Urteilsvermögen und die pädagogische Verantwortung der Lehrkräfte vertrauen", meint Claudia Schmidt. Freilich sind die Noten wichtig, zum Beispiel bei Abschlussklassen und Übertritt. Im Moment aber sollte die Notengebung nach Schmidts Ansicht nicht den allerersten Stellenwert einnehmen, "da wir wichtigere pädagogische Herausforderungen sehen, wenn die Schüler wieder zurückkommen".

Sie denkt weiter: "Ich bin gespannt welche Auswirkungen wir kurz- und mittelfristig beobachten werden, zum Beispiel in Schullaufbahnen, im Ausbildungsbereich oder im sozial-emotionalen Verhalten." Sie wünscht "für alle Mitglieder unserer Schulfamilien Normalität und ein unbekümmertes Lernen und Miteinander in den Schulen ".