Ohne Vorwarnung und erkennbaren Anlass schlug eine 59-jährige Hausfrau mit einem Gartenzweig ihrem Nachbarn (41) ins Gesicht. Ein Polizeifoto zeigt eine gerötete Schramme, die knapp am linken Auge vorbeiführt. Der Hieb mit dem gut einen Meter langen Stock gilt juristisch als gefährliche Körperverletzung . Unter Vorsitz von Christoph Gillot fällte das Amtsgericht Haßfurt einen Schuldspruch, der selten angewendet wird: Eine Verwarnung, verbunden mit einer Geldstrafe von 7200 Euro "auf Bewährung".

Der Geschlagene nutzte den frühen Samstagmorgen am 28. November 2020 zum Einkaufen. Bereits um halb acht Uhr morgens kam er mit seinen Einkäufen zurück. Er wollte gerade in sein Haus gehen, als die Angeklagte auf ihn zukam. Unvermittelt schlug sie mit der Gerte auf ihn ein. Im Zeugenstand berichtete der Mann weiter, dass er völlig überrascht gewesen sei. Gleich der erste Schlag habe ihm die sichtbare Verletzung zugefügt. Innerhalb von ein bis zwei Minuten habe sie insgesamt etwa zehn- bis 15-mal zugeschlagen. Die Attacke endete, als die Frau hurtig in ihrem Haus verschwand.

Nachdem der Geschlagene den ersten Schock verdaut hatte, rief er laut nach dem Ehemann der Frau . Der schaute auch kurz zur Tür heraus, verweigerte aber das weitere Gespräch. Daraufhin ging der Mann in sein Haus, verständigte die Polizei , erstattete Anzeige und fuhr später zu seinem Hausarzt.

Suche nach dem Motiv

Auf Nachfrage des Richters erklärte er, noch drei bis vier Tage lang Schmerzen gespürt zu haben. Ergänzend fügte er hinzu, dass ihm nicht daran gelegen sei, dass die Frau eine hohe Strafe erhalte. Er wisse nicht, ob sie unter einem "Verfolgungswahn" leide, aber er wünsche sich ein "normales" Nachbarschaftsverhältnis.

Die Suche nach dem Motiv für die Attacke, die sich in einem Ort im Maintal zutrug, gestaltete sich sehr schwierig. Irgendwie hat es wohl mit einer Hecke zu tun, die sich auf einer der Grundstücksgrenzen befindet. Außerdem sagte die Angeklagte mit fahriger Stimme, dass andere Nachbarn in ihrer Abwesenheit in ihr Haus eingedrungen wären und dass seit einigen Wochen ihr Briefkastenschlüssel verschwunden sei. Das sei auch der Grund dafür gewesen, dass sie von dem anstehenden Gerichtstermin nichts gewusst habe und erst von der Polizei geholt werden musste. Nebenbei erfuhr man auch, dass die Frau schon einmal einen Nervenzusammenbruch erlitten hat.

Betreuungsbehörde informiert

In ihrem Plädoyer sprach Oberstaatsanwältin Tanja Zechnall von einem minderschweren Fall von gefährlicher Körperverletzung . Offenbar habe sich die nicht vorbestrafte Frau in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. Zechnall beantragte eine Geldstrafe von 7200 Euro.

Bei der Urteilsbegründung erläuterte der Vorsitzende den ungewöhnlichen Richterspruch. Wie die Staatsanwaltschaft ging auch Gillot davon aus, dass der geschlagene Nachbar die Wahrheit gesagt und die Frau eine gefährliche Körperverletzung begangen habe. Er schloss sich ebenfalls dem vorgeschlagenen Strafmaß an, stellte die Geldstrafe aber unter "Vorbehalt". Dies bedeutet, dass sie erst einmal nichts zahlen muss. Allerdings wird die Summe sofort fällig, falls sie sich erneut strafbar macht. Zudem informierte der Richter die Frau darüber, dass er die Betreuungsbehörde einschalten werde. Das Urteil wurde von allen Beteiligten angenommen und ist damit rechtskräftig.