Am 29. Januar 1840, morgen vor 181 Jahren, kam Ignaz Bing in Memmelsdorf zur Welt. Bing wurde ein weltweit bekannter Großindustrieller. Er besaß die zu seiner Zeit größte Spielwarenfabrik der Welt. Auch als Höhlenforscher ging er mit der Entdeckung der Bing-Höhle in Streitberg, Oberfranken, in die Geschichte ein. Der bayerische Prinz Ludwig, der spätere König Ludwig III. von Bayern, besuchte ihn in seiner Villa in Streitberg. Aber Ignaz Bing kehrte immer wieder nach Memmelsdorf zurück. Der Lehrer Georg Düll bezeichnete ihn 1927 in seiner Ortsgeschichte von Memmelsdorf als großzügigen Unterstützer der Armen .

Drei Jahre vor seinem Tod diktierte Bing seiner Sekretärin seine Erinnerungen. Jürgen Cieslik hat sich große Verdienste mit dem Aufspüren, der Bearbeitung und der Herausgabe dieses beeindruckenden Zeitdokumentes erworben. Das Aufspüren allein ist schon eine spannende Geschichte.

Mit Humor und Gelassenheit beschreibt Ignaz Bing in seinen Erinnerungen die Jugendjahre in Memmelsdorf. Sein Vater, ein Färbermeister, stammte aus dem Städtchen Scheinfeld im Steigerwald und erwarb die Färberei in Memmelsdorf, als er 20 war. Ignaz Bing wurde als das zweite von fünf Kindern geboren.

Seine Mutter war Babette, eine geborene Tuchmann, die aus einer wohlhabenden Familie in Uehlfeld stammte. 13 Jahre lebte Ignaz Bing im Haus Nummer 20 in Memmelsdorf, heute Judengasse 16, in einem gutbürgerlichen Haus, in dem sich auch die Färberei befand. Hier in Memmelsdorf ging Ignaz Bing in die alte jüdische Elementarschule, heute in der Schlossgasse 11. 1843 lebten 133 Bürger jüdischen Glaubens in Memmelsdorf; das war etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Leidenschaft für Bücher

Der Vater war ein attraktiver Mann. Ignaz Bing beschreibt ihn als "immer bemüht, sich über seinen Stand zu bilden". Aus Coburg brachte er regelmäßig Bändchen aus Meyers Groschen-Bibliothek mit nach Hause und las den Kindern vor. Ignaz Bing spielte gern mit den Kindern im Ort, aber seine Leidenschaft waren die Bücher.

Ignaz Bing beschreibt eine harmonische, wohlbehütete Kindheit. Als er sich bei einem Spiel am Auge verletzte und der Augenarzt dazu riet, das Auge für längere Zeit nicht zu sehr anzustrengen, strich der Vater kurzerhand das Wohnzimmer grün, um die Augen zu schonen.

Das Färben war eine nicht sehr lukrative und dazu noch schwere Arbeit, bei der auch die Kinder mithalfen, was Ignaz Bing aber durchaus faszinierend fand. Meist wurde schweres, hausgemachtes Leinen dem damaligen Geschmack entsprechend dunkel- oder hellblau gefärbt.

Das Aufhängen dieser Stoffe zusätzlich zur täglichen Hausarbeit war sehr anstrengend und musste die Gesundheit der Mutter untergraben haben. Jedenfalls geht aus Bings Erinnerungen hervor, dass sie, völlig erschöpft von der Arbeit, früh an einer Lungenkrankheit starb. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Memmelsdorf beigesetzt, wo sich heute noch ihr Grab befindet. Der Grabspruch drückt die Trauer und Verzweiflung der jungen Familie aus: "Ach, weh" und es weinten ihr nach "bitter ihr Mann und ihre Kinder". Ein traumatisches Erlebnis für den siebenjährigen Ignaz.

Noch einmal geheiratet

Auf die Dauer konnte der Vater Salomon ohne Frau nicht zurechtkommen. Ilse Vogel, die 2019 eine sehr ausführliche Geschichte über die Ottensteins und auch die Bings veröffentlichte, beschreibt das erste Kennenlernen und die wenig romantische Hochzeit von Salomon Bing und seiner zweiten Frau Henriette Birgstein, genannt Jette. Der Witwer aus Memmelsdorf reiste zur Familie Birgstein nach Pahres in Mittelfranken und berichtete, dass ihm Geschäft und Hauswirtschaft mit vier kleinen Kindern zu entgleiten drohten. Er suche also eine Frau. Jette lauschte an der verschlossenen Tür und ahnte, um was es in dem Gespräch ging. Als Ignaz Bing ihr dann vorgestellt wurde, war er von ihr sofort sehr angetan und wollte keine Zeit verlieren. Er schlug vor, sie sofort "mitzunehmen". Und Jette war nicht abgeneigt. Sie heirateten unterwegs in Erlangen und reisten sofort weiter, zurück nach Memmelsdorf. Ignaz Bing konnte lange Zeit die zweite Mutter nicht akzeptieren. Bemerkenswert ist auch, dass er sie in seinen Memoiren nicht mit Namen nennt, obwohl er sie später sehr zu schätzen lernte.

Die Familie verließ Memmelsdorf 1853 und zog nach Gunzenhausen, wo der Vater ins Hopfengeschäft einsteigen konnte. Dieser Wechsel war für die Familie gleichbedeutend mit einem sozialen Aufstieg. Mit 14 Jahren begann Ignaz Bing in Ansbach eine Ausbildung zum "Kommis", also zum kaufmännischen Angestellten, und es schlossen sich weitere Praktika in anderen Firmen an.

Entbehrungsreich

Die Lehrjahre waren entbehrungsreich und die Suche nach Ausbildungsstellen schwierig. Ignaz Bings Mittel reichten nicht für die Anschaffung eines ausreichend warmen Wintermantels. Aber er bekam überall gute Abschlusszeugnisse. 1863 eröffnete er mit einem Bruder einen Großhandel für Kurzwaren, und ein Jahr später die Firma Gebrüder Bing in der Stadt Nürnberg, einer liberalen Wirtschaftsmetropole.

Immer wieder faszinierend ist zu lesen, mit welcher Beharrlichkeit Ignaz Bing der Armut zu entfliehen suchte und mit welcher Bereitschaft zum Risiko er dabei vorging. So bewies er 1866 während der Besetzung Nürnbergs durch die Preußen großen wirtschaftlichen Spürsinn. Während die meisten Geschäfte aus Angst vor dem Feind verbarrikadiert wurden, lud Ignaz Bing nach einigen Tagen seine Schaufenster voll mit Angeboten. Die preußischen Besetzer interessierten sich sehr für seine hübschen Galanteriegegenstände und sie kauften und kauften diese beliebten "Souvenirs".

In den folgenden Jahren baute Bing ein weltweites Firmenimperium auf: mit 20 eigenständigen Filialbetrieben und Tausenden von Angestellten. Am berühmtesten wurden seine Blechspielzeuge und Spielzeugeisenbahnen. 1886 bot der Nürnberger Spielwarenhersteller Bing die erste komplette Spielzeugzuggarnitur mit Gleisen an, die in farbigen Katalogen in vielen Sprachen angeboten und weltweit verschickt werden konnten. Er produzierte und verkaufte auch andere Blech- und Metallwaren, die gerade gebraucht wurden. 1871 waren es zum Beispiel Gewichte, als nämlich neue einheitliche Messeinheiten eingeführt wurden. Im Ersten Weltkrieg stellte er unter anderem Essgeschirre für Soldaten her.

Entdeckung

Nach seiner spektakulären Entdeckung einer großen Tropfsteinhöhle in Streitberg, wo er sich eine Villa auf dem Land gekauft hatte, wurde diese Höhle ein touristischer Anziehungspunkt. So kam es, dass auch Prinz Ludwig von Bayern seinen Besuch ankündigte. Dieser Besuch wurde ein Höhepunkt im Leben des Ignaz Bing. Ihm widerfuhr die Ehre, den damaligen bayerischen Prinzen als Gast in seinem Haus zu empfangen. Welche Anerkennung und Würdigung. Eine unglaubliche Speisenfolge ist dokumentiert: 17 verschiedene Gerichte wurden gereicht, darunter eine "Timbale von Oderkrebsen" (Timbale ist eine Art Terrine) und "Beluga Malossol", also schwachgesalzener Kaviar.

Ignaz Bing war patriotisch gesinnt und gehörte im liberalen Nürnberg zur Kerngruppe des aufblühenden Bürgertums trotz bestehender antisemitischer Strömungen. Zwar galt in Bayern das sogenannte Toleranzedikt von 1813, das den Juden die freie Ausübung ihrer Religion gewährte und ihnen die Bürgerrechte zugestand; andererseits wollte man den Zuzug von Juden durch die Eintragung in sogenannte Matrikeln begrenzen. Jede Gemeinde vergab nur eine begrenzte Zahl von Matrikelnummern. In Memmelsdorf waren 34 Matrikel zugelassen. 1871 erlebte Ignaz Bing dann, dass Juden im geeinten Deutschen Reich erstmals seit dem Mittelalter rechtlich weitgehend gleichgestellt wurden.

Im privaten Leben erlebte Ignaz Bing aber doch, dass er als Jude Nachteile hinnehmen musste. Antisemitismus war im ausgehenden 19. Jahrhundert keine Seltenheit. In Gunzenhausen, wo seine Eltern wohnten und er als junger Mann zunächst im väterlichen Hopfenhandel half, hatte Ignaz Bing viele Freunde, die sich gerne im Casino-Klub trafen und feierten. Er bewarb sich um Mitgliedschaft, aber als Jude wurde er abgelehnt. Die ausschlaggebende Stimme kam von einem Landrichter. Ignaz Bing, der sehr belesen war und gerne dichtete, schrieb ein Spottgedicht über den Landrichter in der Zeitung - und die ganze Stadt lachte.

Seit dem 15. Jahrhundert ist das Sprichwort "Nürnberger Hand geht durch alle Land" belegt (abgeleitet von "Handwerkserzeugnisse"). Erst das 19. Jahrhundert formte daraus "Nürnberger Tand geht durch alle Land" und das alte Sprichwort wurde von Bing neu belebt.

Todestag

Am 24. März 1918 starb Ignaz Bing, geheimer Kommerzienrat und Ehrenbürger und Mäzen von Streitberg. Er hat nicht mehr miterlebt, dass seine Erben gezwungenermaßen die Höhle an die Streitberger verkauften und dass später eine Tochter, ein Schwiegersohn , drei Enkelkinder und ein Urenkel ihr Leben durch den Holocaust verloren. Was zum Untergang der Bing-Werke führte, hat viele Gründe, aber das ist eine andere Geschichte. Aber das bleibt: Ignaz Bing aus Memmelsdorf war ein großer Mann.