Bis vor wenigen Wochen gab es im gesamten Landkreis Haßberge keinen brütenden Weißstorch – trotz vielfältiger Bemühungen an verschiedenen Orten. Nun hat sich an der Treinfelder Mühle im Baunachgrund bei Rentweinsdorf in über zehn Metern Höhe ein junges Storchenpaar niedergelassen, das brütet und die Hoffnung weckt, dass bald auch junge Störche zu sehen sein werden. Rentweinsdorf blickt auf das Nest und wartet auf Nachwuchs.

Auf dem Kamin

Nach Aussagen von Bürgern sind seit Jahren im Raum Rentweinsdorf immer wieder Störche zu beobachten gewesen, auch auf dem Kamin der Treinfelder Mühle. Manchmal war es nur ein Tier, manchmal auch zwei. „Sie sind aber nie hier geblieben, und gebaut hat nie einer“, bestätigt Mühlenbesitzer Horst Pickel.

Im vergangenen Jahr war dann ein Jungstorchenpaar da und hatte sich auf dem Kamin niedergelassen. Die Tiere waren bis Juni da. Dann hat das Paar den Standort aufgegeben. Die Gründe des Storchenexperten Hans Schönecker sind vielseitig: Vielleicht war das männliche Tier „noch nicht so erfahren oder es war noch gar nicht geschlechtsreif, um ein Ei zu befruchten.“ Auf jeden Fall hinterließ der Storch im Nest ein Ei, das nicht ausgebrütet war.

Bei der Besiedlung des Kamins tat sich ein weiteres Problem auf: Die darunter liegende Photovoltaikanlage des Mühlenbesitzers wurde durch das ständige Koten in Mitleidenschaft gezogen; tägliches Reinigen der Anlage über Wochen wurde nötig. Die Exkremente trafen auch die Wohnwagen, die auf dem Areal stehen. Auch behinderte das Nest die Nutzung des Kamins für die darunter liegende Werkstatt.

Deswegen war es ein Anliegen der Beteiligten, sich nach einem neuen Standort umzusehen. Dabei waren Manfred Husslein von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Haßberge, Harald Amon vom Bund Naturschutz und der Storchenexperte des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), Hans Schönecker, aus dem benachbarten Coburg beteiligt.

Neben der Scheune

Man einigte sich auf das Grundstück neben der Scheune der Treinfelder Mühle. Horst Pickel stellte es zur Verfügung. Ein neues Nest auf einem Baumstamm wurde aufgerichtet.

Harald Amon betont, dass das Aufstellen des Nestes kein einfacher Akt gewesen sei. „Der Baumstamm wurde freundlicherweise von Max von Rotenhan gestiftet und der über 14 Meter lange Stamm von Förster Wolfgang Elflein aus dem Forstbetrieb angeliefert. Es bedurfte dann einer Grube von 2,5 Metern Tiefe, um die Standfestigkeit zu garantieren, und schließlich musste der Baumstamm mit Hilfe eines Teleskopladers der Firma Ewald Appel und eines Traktors des Mühlenbesitzers aufgerichtet werden.“ Finanzielle Unterstützung gaben dazu die Sparkasse Schweinfurt-Haßberge , die Untere Naturschutzbehörde und der Bund Naturschutz.

Amon spricht von einer beispielhaften Zusammenarbeit. Rechtzeitig vor einem möglichen Eintreffen der Störche war das neue Nest Ende Februar fertiggestellt worden. Und in den nächsten Wochen blickten viele Augen dann immer wieder auf das Storchennest.

Am Sonntag, 14. März, fand sich ein Storch auf dem Horst ein, um die Brutmöglichkeit zu inspizieren. „Er richtete seine neue Wohnung noch etwas her und nach knapp drei Wochen trafen weitere vier Störche ein, setzten sich auf das Scheunendach und der Storch musste seine Behausung verteidigen, bis schließlich die Störchin zu ihm fand. Das alles geschah mit viel Geklapper“, erzählt Horst Pickel – und stellt auch menschliche Züge bei dem Storchenpaar fest: „Der Storch klapperte wie wild und hat sich über seine Mitbewohnerin gefreut . Aber die hatte nichts anderes zu tun, als erst einmal im Nest aufzuräumen und auszumisten. Dann holten sie viel Moos hinein ins Nest und legten außen herum Äste.“

Der Storchenexperte Hans Schönecker ist sich ganz sicher, dass die beiden Störche in der Brutzeit sind, und begründet dies mit dem Schauspiel, wenn die Brutablösung und die Begrüßung dort oben stattfinden. Viele neugierige Blicke verfolgen das Schauspiel.

Manfred Husslein von der Unteren Naturschutzbehörde verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass das Nahrungsangebot sehr wichtig ist. „Der Storch will auch keine hohen Wiesen, weil er Angst vor dem Fuchs und anderen Feinden hat. Wir brauchen deswegen ein Mosaik von Wiesenmahd und verschiedene Mahdstreifen vom Frühjahr bis zur Spätmahd. Glück haben wir heuer auch, dass die Wiesen etwas feuchter sind.“

Der Storch ernährt sich von Amphibien, Heuschrecken und Mäusen aus Gräben und Wiesen. Dabei jagt er nicht aus der Luft, sondern nur am Boden; das Tier stolziert durch sein Jagdgebiet und stößt dann blitzschnell zu.

Schon mal da?

Mühlenbesitzer Horst Pickel interessierte die Frage, ob die beiden Störche, die sich jetzt heimisch niedergelassen haben, wohl auch schon als Gäste im letzten Jahr auf dem Kamin waren. Diese Frage beantwortet der Storchenexperte mit einem klaren Ja, denn ein Storch bleibt seinem Nestplatz treu und fliegt ihn jedes Jahr wieder an. Nur die Partner wechseln.Das nennt man „Saison-Ehe“.

Das Storchenpaar von Rentweinsdorf hat mit seiner Brut nun ein Alleinstellungsmerkmal im Landkreis. An zahlreichen anderen Standorten hoffen die Menschen auf eine ähnliche Besiedlung.

Dies gilt für Pfarrweisach, Kraisdorf, Eyrichshof, Baunach und Reckendorf. In Pfarrweisach tut sich etwas: Seit vier Wochen ist auf dem alten BayWa-Gebäude ein Storchenpaar dabei, sich ein Nest zu bauen. Man hofft, dass es brütet und junge Störche aufzieht. „Es wäre eine kleine Sensation, wenn die Störche hier auch brüten würden“, meint Bürgermeister Markus Oppelt .

Und auch in Haßfurt war man tätig. Am Landratsamt ist vor einiger Zeit ein Nest aufwendig installiert worden, aber noch kein „Meister Adebar“ heimisch geworden.

Bei der Beschreibung des Nestes hat Storchenexperte Schönecker auch einen möglichen Grund gefunden, warum Haßfurt noch nicht angeflogen und in Besitz genommen wurde. „Dieser Horst ist unterhalb des Firstes gebaut, so dass der Storch nur einen Sichtwinkel von 180 Grad hat und mögliche angreifende Störche von der anderen Seite nicht sieht. Für den Storch wäre eine Rundumsicht wichtig und deswegen hat vielleicht auch noch kein Storch das Nest angenommen.“

In der weiteren Mainaue und andernorts gibt es Nesthilfen, die aber nicht angenommen werden. Laut Schönecker gibt es dafür eine Begründung: „Das Nest soll in der Nähe von Menschen sein. Der Storch will dahin, wo sich was rührt und wo Menschen sind. Das sieht man in Bad Rodach, wo ,Meister Adebar’ seinen Horst 50 Meter neben dem Festplatz hat, auf dem alljährlich ein großes Schützenfest über mehrere Tage stattfindet.“