Eckehard Kiesewetter

Rentweinsdorf  — Keine ausfälligen Äußerungen, keine Angriffe gegen die „teuflische Homolobby“, keine Auslassungen gegen den Islam in Deutschland und keine Anwürfe gegen die eigene Kirchenführung. Besucher der Predigtreihe zur „Nachfolge Jesu “ in der Dreieinigkeitskirche in Rentweinsdorf erlebten den Bremer Pfarrer Olaf Latzel von seiner besten Seite.

Gekonnter Auftritt

Hunderte von Kirchgängern ließen sich an vier aufeinanderfolgenden Tagen begeistern von einem mitreißenden Prediger , der seine Botschaft mit hoher sprachlicher Virtuosität und bemerkenswerter rhetorischer Aussagekraft zu vermitteln versteht. Ganz der Kirchenmann, dessen Predigten via Internet Tausenden von Zuhörern Kraft und Impulse geben. Zuhörer lobten die ausgefeilte Sprache und die Struktur der Vorträge ebenso wie Latzels freundliches und gewinnendes Auftreten.

Doch der 54-Jährige steht unter Beobachtung. Die Predigterlaubnis seiner Landeskirche ist mit Vorbehalt versehen, ein kirchliches Disziplinarverfahren ruht, bis zivile Gerichte entschieden haben. Denn der smarte Theologe kann durchaus anders. Dann schreckt der streng evangelikale Pfarrer , der offenkundig zu Wutausbrüchen neigt, auch vor Herabsetzungen und Beleidigungen nicht zurück, vor Anfeindungen und Ausfällen. Mehrfach geriet er in der Vergangenheit durch provokante Äußerungen mit der Justiz in Konflikt, zuletzt 2019 bei einem Eheseminar, weswegen er sich demnächst neuerlich vor Gericht verantworten muss. Schon 2003 wurde er laut FT-Informationen nach Zornestaten gegen seinen Hund wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz verurteilt. Ein Mann also, der vorsichtig sein muss, zumindest solange der Vorwurf der Volksverhetzung im Raum steht.

Wer in Rentweinsdorf eine Hasspredigt erwartet hatte, musste natürlich enttäuscht werden. Der Auftritt in den Haßbergen ist unter der Rubrik Imagepflege oder Kompensation einzuordnen. Denn negative Schlagzeilen mögen Interesse wecken, vermutlich auch Neugierige in die Gottesdienste oder zu Youtube-Predigten im Internet locken, sie tun der Sache der Kirche aber nicht gut.

„Statement für Freiheit“

In der evangelischen Kirchengemeinde Rentweinsdorf wertet man das Gastspiel des Norddeutschen als großen Erfolg, war die Kirche doch vier Mal in Folge so voll, wie sonst allenfalls zu großen Konzertterminen. Pfarrer Gerhard Barfuß, der seine Kanzel dem Gast sogar am Reformationstag überließ, spricht von einem „Statement für die Freiheit“. Die Freiheit jedoch war unterbunden, indem die Kirchengemeinde die Kommentarfunktion zu ihrer Facebook-Ankündigung ausschaltete.

Ob Prediger Latzel die Regenbogen-Bilder in den Rathausfenstern direkt neben der Kirche wahrgenommen hat? Bürgermeister Steffen Kropp hatte zu einer Malaktion aufgerufen, „um zu zeigen, dass wir hier im Markt Rentweinsdorf tolerant und herzlich gegenüber unseren Mitmenschen sind“. Durch Kropps Initiative angeregt, protestierte ein gutes Dutzend Mitglieder der Kreis-SPD vor der Kirche stumm mit Regenbogenfahnen. Vereinzelt hatten sich weitere Demonstranten mit Fahne oder Plakaten vor dem Eingang postiert. „Hass ist keine Meinung“ stand da, und „Gott bevorzugt freundliche Atheisten gegenüber hasserfüllten Christen “.

Eberns Stadtrat bezog schriftlich Stellung gegen Diffamierung und diskriminierende Aussagen und Pfarrer beider Konfessionen plädierten für Respekt und Toleranz. Ein Kirchenmann aus der Region beteuert in Zusammenhang mit der Einladung an den umstrittenen Prediger , er schäme sich.

„Unsere Richtschnur zur Heiligen Schrift ist die Menschenfreundlichkeit unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus . Die vermisse ich bei ihm“, sagte etwa Regionalbischöfin Dorothea Greiner vor der Predigtreihe in Rentweinsdorf zu der Personalie Latzel. Er unterstelle der Kirchenleitung, sie würde das Wort Gottes entmachten, „doch er selbst baut unnötige Widersprüche auf zwischen einem wissenschaftlichen und einem existenziellen Zugang zur heiligen Schrift .“ Letztlich wirke sich sein Zugang zur Heiligen Schrift daher auf viele Bereiche polarisierend aus – auch auf den der Sexualität“.

In den sozialen Medien wurde die Angelegenheit tagelang heftig diskutiert. Teilweise philosophierte man darüber, ob Homosexualität nun zu verteufeln sei, wie von Latzel gelehrt, oder aber von der Gesellschaft akzeptiert und per Gesetz geschützt und damit nicht angreifbar. Die Bibel selbst äußert sich dazu kaum.

In vielen Beiträgen geht es um die Frage, ob die Gemeinde gut daran tat, dem Pfarrer eine Plattform zu bieten. Fürsprecher argumentieren, es sei besser, den vermeintlichen „ Hassprediger “ selbst zu hören, als auf Meinungsmache von außen zu achten. Katrin M. schreibt auf der Facebookseite des Fränkischen Tags: „Er ist ein Prediger , der Gottes Wort noch ohne Abstriche verkündigt!!! Klar und deutlich… leider will das niemand mehr hören.“

Wortgefechte im Internet

Hans R. mahnt: „Man darf einem Menschen, egal ob Pfarrer , Klempner oder EDV-Fachmann keine Plattform geben, die er potenziell dazu nützt, Spalterisches von sich zu geben.“

Und Veronika S. meint, „man hätte unter Hunderten wunderbar begabten Prediger *innen auswählen können. Die weder das Patriarchat stützen noch Mitmenschen mit aus dem Zusammenhang gerissenen Worten niederbibeln“.

Aus Sicht von Fritz H. können gerade Rebellen manchmal etwas bewirken: „Auch Luther war ein Rebell.“

Im Internet finden sich Kommentare zuhauf, wobei offenkundig auch Latzels deutschlandweite Fangemeinde kräftig mitmischt. Die Debatte verdeutlicht, wie zwiespältig und kontrovers die Gesellschaft auf Tabubrüche, Information und Desinformation, Anfeindungen und Propaganda reagiert.

Die Kirchengemeinde Rentweinsdorf und der Dekanatsausschuss wollen jetzt zu einem Austauschabend über die Vortragsreihe von Latzel einladen.