von unserem Redaktionsmitglied 
Marco Meissner

Kronach — Die Schützenscheibe von Markus Eber hat in den vergangenen Freischießen-Tagen gelitten. Nicht jeder Schütze hat das kleine Ziel-Kärtchen auf der linken Seite getroffen. Auch der Schuss, der gerade abgegeben wurde, schlug zu weit rechts ein. Er wird sicher nicht zur Königswürde 2014 führen. Gerd Kümmet kontrolliert den Einschuss. Er weiß, dass es heuer schon viel bessere Treffer gegeben hat.
Während er die Scheibe mit einem kleinen "Pflaster" flickt, erklärt er, dass es viele Schützen gibt, die unbedingt König in Kronach werden wollen. Das freut Kümmet, der an diesem Samstagnachmittag die Aufsicht am Schießstand leitet. Es sei nämlich nicht überall so. Früher habe es ein "gewisses Maß an Geld" gekostet, Schützenkönig in Kronach zu werden. Inzwischen müsse das niemanden mehr abschrecken. "Heute soll sich jeder den Königstitel leisten können", stellt der erfahrene Kronacher Schütze fest. "Eine neue Scheibe, die Klippe an der Kette - die Kosten sind überschaubar."
So fehlt es auch nicht an Vereinsmitgliedern - nur sie dürfen den Königsschuss abgeben -, die an diesem Tag ihr Glück versuchen. Etwa 100 bis 120 Männer aus den Reihen der Schützengesellschaft Kronach kommen jedes Jahr, um den Königsschuss abzufeuern. Im Hintergrund schauen einige Neugierige zu. Auch der eine oder andere, der sich selbst Chancen ausrechnet, taucht in diesen letzten Stunden des Schießens bis zur Auswertung um 18 Uhr an den Kleinkaliber-Ständen auf. Man riskiert einen Blick, was die potenzielle Konkurrenz zeigt. Es wird gefachsimpelt. Und schon jetzt wird reichlich spekuliert. Hier hört man den Namen möglicher Sieger, dort wird diskutiert, ob der Titel von einem Auswärtigen geholt wird, und ein paar Meter weiter glaubt man schon die Straße in Kronach zu wissen, auf welcher der König nach Hause flanieren wird. Doch jetzt, rund eine Stunde vor dem Ende des Schießwettkampfs, ist das alles noch eine einzige Gerüchteküche.

Guter Schuss reicht nicht

Neben allem Können gehört Fortunas Zutun dazu, wenn man auf den Thron klettern will, das weiß auch der frühere Weltklasse-Sportschütze Gerd Kümmet. Wieder steht ein Aktiver im Stand, der das erkennen muss. Er trifft das Ziel, doch auch sein Schuss ist zu weit vom Zentrum entfernt, um sich die Krone aufsetzen zu können. "Es ist schwer, in Kronach König zu werden", stellt Kümmet fest. Er selbst habe in seiner besten Zeit zig Zehner geschossen, ehe es 1975 endlich geklappt hat, den allerbesten Schuss eines Jahres abzugeben. Zuvor habe eben immer ein anderer einen richtig guten Tag gehabt und noch einen Tick besser getroffen.
An diesem Samstag gibt es viele gute Schüsse. Die Spannung, wenn angelegt wird, packt auch die Aufsichten und Zuschauer. "Man fiebert dann schon mit", sagt Kümmet. Dabei geht es ihm nicht darum, welcher Schütze gerade die Nase vorne hat, sondern wie sich die Teilnehmer gegenseitig überbieten. Sein Aufsichtskollege Christian Stützinger betont: "Es zählt nur der beste Schuss in diesem Jahr, egal wie gut er ist." Und dieser Schuss muss nach maximal drei Probeversuchen auf einem Nachbarschießstand im ersten Anlauf sitzen.

Schweißtreibende Aufgabe

Nicht jeder, der auf den Sieg aus ist, kann diesen Druck einfach so wegstecken. Schon manche, die König werden wollten, haben bis zum Schweißausbruch auf das 50 Meter entfernte Ziel angelegt. Wer es dann einmal geschafft hat, wird so schnell kein zweites Mal auf den Thron steigen - das ist laut Kümmet ein ungeschriebenes Gesetz. Normalerweise lässt man als Regent erst einmal anderen den Vortritt. Doch viele werden die Königswürde gar nicht erreichen. "Manche halten ein Leben lang drauf und schaffen es nicht", stellt Kümmet fest.
Ein Blick auf das Handgelenk. Es ist schon 17.15 Uhr. Ob der Schützenkönig 2014 bereits im Stand war? Wetten würde Schützenmeister Frank Jungkunz darauf nicht. Auch in den letzten Minuten kämen immer wieder ambitionierte Mitglieder, denen ein Volltreffer zuzutrauen sei. Und Gerd Kümmet unterstreicht, wie schnell sich die Ereignisse in solchen Situationen überschlagen können: "Da gibt einer einen guten Schuss ab, dann kommt aber gleich ein anderer, der noch besser ist. So lange die Glocken nicht läuten, ist eben die Kirche nicht aus."