Wort zum Sonntag für den 20. Juni:

E rinnern Sie sich noch an die Hamsterkäufe zu Beginn der Corona-Zeit? Wochenlang war es kaum möglich Klopapier zu kaufen.

Das hat mich beschäftigt. Wie gehe ich als Pfarrer damit um, wenn der Hauptbezugspunkt der Menschen gerade Klopapier ist? Wie ist das theologisch zu deuten?

Das biblische Zeugnis ist Klopapier betreffend etwas dünn. Bei Paulus gibt es keinen Kommentar dazu. Und auch Jesus spricht das Thema zwar an, bleibt aber wage: "Alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert." So heißt es bei Matthäus im 15. Kapitel. Da muss die Fantasie den Rest erledigen.

Martin Luther war da schon deutlicher: "Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?" Das steht zwar nicht in der Bibel, ist als Zitat allerdings weit verbreitet. Zudem hat Luther nach eigener Aussage seine wesentliche reformatorische Erkenntnis, den Kern seines neuen Gnadenverständnisses, auf dem Lokus gehabt.

Klopapier ist so gesehen ein lebensrelevantes Thema, es geht die Menschen unbedingt an. Das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit betrifft nicht nur Religion, sondern eben auch Klopapier.

Die Hamsterkäufe entpuppen sich als große Chance, den Glauben wieder salonfähig zu machen. Die Gemeinsamkeit ist doch: Sowohl Glauben als auch Klopapier betreffen alle Menschen. Und so kann Klopapier gut als Bild für unseren Glauben funktionieren:

1. Mit Klopapier zuhause lebt es sich besser. Es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass es im Haus ist, selbst, wenn es gerade nicht zu sehen ist. Auch wenn es gerade nicht gebraucht wird, ist es da. Bei Bedarf können wir hoffentlich darauf zugreifen.

2. Vor dem Klopapier ist jeder Mensch gleich. Ein Minister genauso wie ein Arbeiter, eine Frau genauso wie ein Mann. Das Klopapier ist für alle Menschen im gleichen Maße da, es macht keine Unterschiede, es urteilt, ja es verurteilt nicht.

3. Es gibt viele Menschen, die nicht gerne darüber sprechen, weil sie Angst haben, dass sie dadurch merkwürdig erscheinen oder es ihnen als Makel und Schwäche ausgelegt wird. Obwohl es jeder gleichermaßen brauchen kann, sprechen wir in unserer Gesellschaft eigentlich nicht darüber, außer in Krisenzeiten wie momentan.

4. Klopapier ist nicht für einen sauberen Hintern gedacht. Jesus sagt von sich selbst, dass er nicht zu den Gesunden gekommen ist, sondern zu den Kranken, zu den Schwachen und Ausgestoßenen. Die Gesunden benötigen keinen Arzt.

5. Zu guter Letzt noch einmal Luther. Wir werden nicht aus uns selbst gerecht oder rein. Das macht unser Glaube. Wir können das nicht allein und wir können das nicht durch unser Tun erreichen. Wir sind angewiesen auf Gottes Gnade, die ihre volle Wirkung im sola fide, allein im Glauben entfaltet. Keine Reinheit durch sich selbst.

Klopapier eignet sich hervorragend als Metapher für den Glauben. Die Hamsterkäufe, so irritierend sie auch waren, können auch ganz anders betrachtet werden: Vielleicht steckte beim Kauf von Klopapier eine Sehnsucht dahinter. Eine tiefe Sehnsucht nach Antworten auf ungestellte Fragen, nach Sicherheit und Orientierung in Krisenzeiten, nach Schutz und Schirm vor Dingen, die wir nicht verstehen. Eine tiefe, religiöse Sehnsucht nach Gott, der uns gerade auch in schlechten Zeiten nahe ist.

Niels Hönerlage

Pfarrer