Sehr geehrter, lieber Karl Marx! Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 200. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch auch zur Renaissance, zur Wiedergeburt Ihrer Einsichten.
Vielleicht verbieten Sie sich Glückwünsche von kirchlicher Seite. Das wäre verständlich. In gewisser Weise mussten Sie gegen die evangelische Kirche sein, in die Sie im Alter von sechs Jahren hinein getauft wurden: Fest eingebunden in eine große Koalition von Thron und Altar, mehrheitlich blind für die Nöte der Arbeitenden in den Fabriken, unwillig, an den politischen und gesellschaftlichen Ursachen dieser Nöte etwas zu ändern.
Sie, lieber Karl Marx, haben der Welt und den Kirchen die Augen geöffnet. Für den Hang des Kapitals, Geld mit Geld zu verdienen und nicht mit menschlicher Arbeit. Eine entsprechende Immobilienkrise steckt uns übrigens in den Knochen. Sie haben 1848 eine Globalisierung beschrieben, in der soziale Standards und auskömmliche Löhne durch einen Wettbewerb der Unterbietung ausgehebelt würden. Wie weitblickend! Sie haben kritisiert, das Geld werde zu einem Fetisch, zu einem Gott, der Anbetung fordert, der uns Menschen unter die Herrschaft der Dinge zwingt. Diese Kritik hätte eigentlich von uns kommen müssen.
"Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen." So revolutionär betet eine junge Proletarierin. Sie heißt Maria, sie wird Jesus zur Welt bringen. Darf ich es ganz materialistisch ausdrücken? Gott ernährt sich von Gebeten. Davon lebt er. Und ihn so anreden zu dürfen, ihm in den Ohren zu liegen, davon leben wir. Ich bin fest überzeugt, dass unser Beten und Gottes Hören den Lauf der Welt ändern. Ob wir darüber einmal ins Gespräch kommen? Wenn der große Gastgeber alle Welt zu Tisch bittet? In seinem Reich, wenn die Revolution der Liebe geglückt sein wird?
Das hoffe ich und grüße Sie herzlich zu Ihrem Geburtstag, Ihr
Stefan Kirchberger,
Dekan in Coburg

Stefan Kirchberger ist Pfarrer von St. Moriz und Dekan in Coburg.