Christoph Böger

Die Rollen sind klar verteilt. Erst recht nach den letzten Spielen: Der HSC 2000 Coburg kassierte im Abstiegskampf eine empfindliche 26:34-Klatsche in Balingen. Dem HC Erlangen gelang ein Überraschungssieg über die Füchse Berlin (30:27).

Das sind die Fakten vor dem fränkischen Handball-Derby in der 1. Bundesliga - alles andere als ein Auswärtssieg der Schützlinge von HC-Trainer Michael Haaß wäre am Donnerstagabend in der Coburger HUK-Arena also eine Überraschung. Anwurf ist um 19 Uhr - das Geisterspiel gibt es live nur im Pay-TV auf Sky. Die Handballfans glotzen also wieder in die Röhre!

Ein Blick zurück macht den HSC-Verantwortlichen Mut. Beim letzten Duell im Sporttempel auf der Lauterer Höhe gelang den "Gelb-Schwarzen" gegen den fränkischen Rivalen nämlich eine faustdicke Überraschung: Am 4. März 2017 reisten die Erlanger ebenfalls als klarer Favorit an, mussten sich dann aber hochmotivierten Vestestädtern mit 28:30 geschlagen geben. Ein bis heute unvergessener Prestigesieg für den HSC.

Vom Scheitel bis zur Sohle

Ein ähnlicher Spielverlauf, bei dem die vom Scheitel bis zur Sohle hochmotivierten Coburger den längeren Atem hatten, ist beim momentanen Leistungsvermögen beider Teams zwar schwer vorstellbar, doch die Hoffnung stirbt auch beim Tabellenletzten zu allerletzt. Die bisherige Bilanz: nur fünf Punkte aus 17 Spielen bei einem Torverhältnis von 424:514. Zum Vergleich: der HC Erlangen steht mit 15 Punkten aus 16 Spielen auf dem 12. Platz und hat seit Samstag sogar ein positives Torkonto (429:428).

Mraz: "Wir kämpfen bis zum Umfallen"

Angesichts solcher Zahlen ist klar, dass auch HSC-Trainer Alois Mraz seine Crew in der Außenseiterrolle sieht: "Erlangen hat sich vor der Saison noch einmal richtig gut verstärkt, kommt nach dem Sieg gegen Berlin natürlich mit breiter Brust nach Coburg." Trotzdem hofft Mraz auf ein richtiges Derby, in dem sein Team die Chance ergreifen kann: "Wir müssen uns treu bleiben, hellwach sein, gegen den starken Rückraum des HC eine gute und bewegliche Abwehr stellen." Schließlich könnten die Erlanger Rückraum-Kanoniere nicht nur aus zehn oder elf Metern wuchtig abschließen, sondern auch immer wieder ins Eins-gegen-Eins gehen. Der HSC-Trainer will die "Halben" attackieren, gegen die beiden Ex-Coburger Nico Büdel und Benedikt Kellner kompakt agieren. Mraz erinnert an das gute Testspiel im Sommer letzten Jahres gegen Erlangen, als sein Team mit Tempospiel, in gewissen Situationen aber auch mit viel Geduld, lange Zeit auf Augenhöhe mit dem HCE agierte.

Geht Konstantin Poltrum ins Ausland?

Außerdem müsse unbedingt das Torwartspiel im Zusammenhang mit der Deckung wieder verbessert werden. Ob die zuletzt schwankenden Leistungen von Torsteher Konstantin Poltrum mit einem möglichen Abschied aus Coburg zusammenhängen - der HSC-Nummer-Eins wird ein Wechsel ins Ausland nachgesagt - ist rein spekulativ. Die derzeit laufenden Personaldebatten stören den Trainer in seiner Arbeit jedenfalls nicht. "Wir sind Profis und spielen ja nicht in der Oberliga. Da erwarte ich, dass jeder Spieler die Vertragsgespräche ausblendet und sich auf das Wesentliche konzentriert."

Haaß hofft auf "voller Kapelle "

Zum HC Erlangen: Personell sieht es beim Favoriten wieder deutlich besser aus. Die WM-Teilnehmer Sebastian Firnhaber, Antonio Metzner, Klemen Ferlin und Petter Overby sind längst wieder integriert und die lange Verletztenliste lichtet sich langsam. "Ich habe den Traum, dass wir in Coburg mit voller Kapelle anreisen", sagte Haaß. Ob Link und Olsson in der HUK-Arena dabei sind, ist jedoch offen. "Wir sind glaube ich schon der Favorit, was meiner Meinung nach aber auch sehr gefährlich ist. Ich halte Coburg gerade nach der Pause für stärker als es die Tabellensituation aussagt. Wir werden nicht den Fehler machen und den Gegner unterschätzen", sagte Haaß.

Ein Sieg wäre die Basis für höhere Ziele, denn nach Überzeugung von Haaß hat sein Team - "wenn wir in Vollbesetzung spielen können" - das Potenzial, viele Mannschaften in der 1. Liga zu ärgern. So wie es dem HCE gegen die "Füchse" gelang - da wuchs der Außenseiter auf eigener Platte förmlich über sich hinaus. Ein optimales Beispiel für den HSC Coburg...

Gorr: "Ein Riesensatz ist notwendig"

"Um diese Aufgabe erfolgreich zu lösen, braucht es einen Riesensatz von uns. Erlangen hat sich einen richtig guten Kader zusammengestellt, aber gerade im Derby haben wir schon das eine oder andere Mal gezeigt, dass wir trotzdem in der Lage sind, ein Ausrufezeichen zu setzen." Für Gorr wäre ein Sieg in zweierlei Hinsicht überragend: "Ein Derby an sich zu gewinnen, ist natürlich schon etwas Besonderes, nicht selbstverständlich und schon gar nicht alltäglich. Zum anderen wären es für uns die Punkte drei und vier in der Rückrunde nach dem Neu-Start. Das ist natürlich unglaublich verlockend."

Alles andere als verlockend ist dagegen die Situation in der HSC-Geschäftsstelle: "Normalerweise wäre in den Tagen vor dem Derby bei uns die Hölle los. Das Telefon würde nicht stillstehen, unsere Klingel wäre im Dauerbetrieb. Der Vorverkauf wäre mit ausverkauftem Haus wohl bereits abgeschlossen", sagt Gorr. Stattdessen herrsche eine gespenstische Ruhe vor dem Geisterspiel - das würde viel über diese ungewöhnlichen Zeiten aussagen.