Coburg — Die Stille der Nacht wird von drei durchdringenden Hornklängen unterbrochen. Der ein oder andere Passant, der zu später Stunde noch über den Markplatz läuft, wundert sich, was der kostümierte Mann mit der Hieb- und Stechwaffe in der Hand da tut. Kurz darauf fängt er auch noch an, zu singen, um seine Zuhörer in die Zeit der Nachtwächter mitzunehmen.

Nächtliche Zeitreise

Seit knapp einem Jahr schlüpft Stefan Leis einmal im Monat in die Rolle eines alten Nachtwächters und nimmt Einheimische und Touristen mit auf Zeitreise. "Gästeführer bin ich nebenberuflich seit etwa zwei Jahren", erklärt Leis, "allerdings wurde mir mein normaler Job zu schreibtischlastig, weshalb ich zusätzlich eine Ausbildung zum Nachtwächter gemacht habe." Vor allem Coburg bei Nacht fasziniere den 57-Jährigen immer wieder, und das erzählt er auch seinen Gästen: "Der Marktplatz ist bei Tag sehr schön, aber in der Nacht noch viel schöner." Begeistertes Nicken unter den Touristen, einige knipsen ein paar Erinnerungsfotos.

Die etwas andere Stadtführung beginnt mit einer Anekdote über den "berühmtesten Sohn der Stadt", Prinz Albert, der in der Mitte des Marktplatzes über das nächtliche Coburg wacht. Wo sonst erfährt man, warum er die Mode nachhaltig beeinflusst hat und Männer wegen ihm bei offiziellen Anlässen dunkle oder schwarze Farbtöne tragen? Auch die Geschichte hinter Prinz Alberts Hosenbandorden, die auf eine lustige Bekanntschaft zwischen König Eduard III. und einer Frau im 14. Jahrhundert zurückgeht, bringt die Zuhörer zum Schmunzeln.

Anekdoten und Gedichte

"Das ist auch der Unterschied zu herkömmlichen Stadtführungen", erklärt Stefan Leis. "Ein Rundgang mit dem Nachtwächter beinhaltet nicht nur Zahlen und Fakten, sondern hat Anekdoten und Gedichte als Schwerpunkt", so der Gästeführer.

Natürlich darf bei einer Stadtführung in Coburg der Bezug zur Coburger Bratwurst nicht fehlen. Das ursprüngliche Bratwurst-Maß befindet sich in der Hand der Figur über der Rathaus-Uhr und beträgt 33 Zentimeter. "Das sind Sachen, die 95 Prozent der Einheimischen auch nicht wissen", so Leis.

Viele Coburger

Umso überraschender ist es, dass knapp die Hälfte seiner Führungsteilnehmer aus Coburg stammen. "Ansonsten kommen natürlich viele Reisegruppen, besonders vor oder nach Weihnachts- oder Geschäftsessen möchten viele Besucher an einer Führung teilnehmen", weiß der Nachtwächter.

Die Strecke einer Nachtwächter-Tour ist flexibel, je nach Publikum und Laune führt Stefan Leis seine Gäste durch die Innenstadt. Dabei wird der Marktplatz passiert, die Ketschengasse und die Morizkirche. Eine normale Führung dauert eine Stunde, er kann allerdings privat auch für bis zu zwei Stunden gebucht werden. Schlechtes Wetter hält den Nachtwächter auch nicht von seiner Tätigkeit ab, "da ziehe ich mir einfach einen wasserdichten Wächtermantel an", so Leis.