Das Urteil des Amtsgerichts überraschte die Prozessbeobachter: Ein 42-jähriger Angeklagter war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er hatte sich mit 0,75 Promille im Blut ans Steuer gesetzt, war statt der erlaubten 70 Stundenkilometer mit mindestens Tempo 95 deutlich zu schnell unterwegs, und außerdem stand er wegen eines Verkehrsdelikts zum Zeitpunkt der Fahrt unter Bewährung.
Das Auto kam von der Fahrbahn ab, knallte gegen ein Verkehrsschild, überschlug sich und krachte nacheinander gegen zwei Bäume. Der Beifahrer, ein 55-Jähriger, starb. Der Staatsanwalt hatte wegen der Umstände eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung gefordert. Der Anwalt der Witwe schloss sich dem als Nebenkläger an. Der Amtsrichter sah das anders und gewährte "ein letztes Mal" Bewährung.
Der Fall ist an Tragik kaum zu überbieten. Das spätere Opfer feiert am 21. November 2015 seinen Geburtstag nach. Er will die ihm überreichte Geburtstagstorte möglichst unbeschadet nach Hause bringen und überredet den schon angetrunkenen jetzigen Angeklagten zur verhängnisvollen Fahrt.


War eine Katze auf der Straße?

Auf der Straße von Sennfeld nach Gochsheim will der Fahrer einer Katze ausweichen. Das Auto gerät ins Schlingern, kommt von der Fahrbahn ab. Alkoholbedingt sei das gewesen, sagt die Gerichtsärztin. Bei einem Wert von 0,75 Promille steige die Risikobereitschaft bei gleichzeitiger Minderung der Aufmerksamkeit.
Für den 55-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät, der betrunkene Fahrer überlebt fast unverletzt. Er ist kein unbeschriebenes Blatt. 14 Eintragungen enthält sein Strafregister, darunter einige Verkehrsdelikte. 2013 kassierte er eine neunmonatige Freiheitsstrafe, die noch einmal zur Bewährung ausgesetzt wurde. Sie war zum Unfallzeitpunkt noch nicht abgelaufen.
Für den Ankläger ein klarer Fall. Der Angeklagte habe unter offener Bewährung gestanden, sei erneut alkoholisiert Auto gefahren und viel zu schnell unterwegs gewesen. Der sachverständige Ingenieur hatte ermittelt, dass der 42-Jährige mit mindestens 95 km/h unterwegs war.


Nebenkläger schließt sich an

Der Nebenkläger schilderte die schweren Depressionen, unter denen seine Mandantin seit dem Unfalltag leidet. Ihr Zustand machte sogar den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nötig. Eine nochmalige Bewährung sei ausgeschlossen, konstatierte er. Er schloss sich dem vom Staatsanwalt geforderten Strafmaß an: ein Jahr zwei Monate, ohne Bewährung.
Der Verteidiger plädierte für eine Bewährungsstrafe. Der Angeklagte habe einen Täter-Opfer-Ausgleich versucht, fahre seit dem Unfall nicht mehr Auto, habe das Trinken aufgegeben und befinde sich ebenfalls in psychiatrischer Behandlung.
Dieses Gesamtverhalten nach dem Unfall war für den Amtsrichter ausschlaggebend für die nochmalige Milde. "Das hat Ihnen den Hals gerettet", sagte er zum Angeklagten. Das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Tötung, Bewährungszeit drei Jahre. Und das Gericht entzog ihm die Fahrerlaubnis. Der Angeklagte bekommt einen Bewährungshelfer und zahlt 1000 Euro an die Verkehrswacht. "Das ist Ihre letzte Chance", sagte der Richter. In seinem letzten Wort hatte der Angeklagte gesagt: "Rückgängig machen kann ich es leider nicht mehr."