Coburg — Nein, normal ist die Sitution auch am Tag fünf nach dem Mauerfall nicht. Am Wochenende werden wieder Tausende Besucher in Oberfranken erwartet, wo es nun schon einige Grenzübergänge mehr gibt. Die Stadt Coburg geht auf Nummer sicher und beruft für das bevorstehende Wochenende einen großen Krisenstab ein.
Außerdem werden am 14. November 1989, einem Dienstag, Verkehrsregelungen für das Wochenende beschlossen, um dem erwarteten Ansturm der Wartburgs und Trabants gerecht zu werden. Firmenparkplätze sollen freigegeben werden, die Bamberger Straße soll am Wochenende Einbahnstraße werden, um dort Raum für Parkplätze zu schaffen.
Darüber hinaus wollen Stadt und Landkreis Coburg ein gemeinsames Infoblatt drucken, das an der Grenzübergangsstelle Rottenbach jedem Einreisenden in die Hand gedrückt wird. Auf dem Papier ist verzeichnet, wo überall Begrüßungsgeld ausgezahlt wird. In der Stadt sind das allein vier Stellen: Im Landratsamt auf der Lauterer Höhe, in der Hauptpost, im Umkleidebereich der Angersporthalle und im Jugendheim Rosenauer Straße (heute CoJe) des Stadtjugendrings.
In Unterlauter kommen an diesem Dienstag Bürger aus "Ost" und "West" zusammen, um darüber zu reden, wie es weitergehen kann und soll. Sie treffen sich in Bayern, weil sie hoffen, hier ihre Meinung frei sagen zu können; weil sie dem Frieden nicht so recht trauen. Deshalb gab es auch am Montag zuvor wieder Kundgebungen und Demonstrationen: Mit der Reisefreiheit allein wollen sich die DDR-Bürger nicht zufrieden geben.
Viele haben in den Tagen vor der Grenzöffnung die DDR verlassen in dem Bewusstsein, dies für immer zu tun. An sie richtet sich nun der Appell, doch zurückzukommen. Manche tun das auch. Aber noch ist die DDR ein Einparteienstaat, die politischen Organisationen, die aus der Bürgerrechtsbewegung und den Montagsdemonstrationen heraus entstehen, sind gerade erst dabei, sich zu formieren. Von Neuwahlen ist im Moment auch noch nicht die Rede.
Die Frage "Gehen oder bleiben" hat Uwe Riße zu dieser Zeit schon für sich beantwortet. Der junge Bautechniker aus Robschütz bei Meißen kommt am 14. oder 15. November 1989 (so genau weiß er das nicht mehr) ins Tageblatt mit dem Wunsch, eine Anzeige aufzugeben. Er sucht "gebrauchte Grundmittel", um ein Baugeschäft eröffnen zu können: Personalcomputer, Fachliteratur, Werkzeug, Fahrzeuge. Das Tageblatt schenkt ihm die Anzeige, die in der Wochenendausgabe vom 18./19. November 1989 erscheint.
25 Jahre danach schreibt Uwe Riße erneut ans Tageblatt: "Aus der Anzeige hat sich mit dem Unternehmerfamilie Bernhardt Göhl aus Mainroth eine intensive Zusammenarbeit entwickelt. Noch heute sind wir der Familie Göhl freundschaftlich verbunden. Wir sind Ihnen sehr dankbar, auch allen, die selbstlos die Einheit unseres Landes beförderten. Und da gab es gerade in Coburg viele. Wir haben hier tolle Menschen kennengelernt. Auch im Namen meiner Familie herzlichen Dank ... das hatte ich wohl vor 25 Jahren vergessen zu sagen."