Gedenken muss nicht immer voller Pathos sein - vor allem, wenn es einem Ereignis gilt, das mit so viel Hoffnung verbunden war wie die ersten Wahlen nach Kriegsende am 26. Mai 1946 mit ihrer demokratischen Aufbruchsstimmung. Neben ernsten Tönen gab es daher auch Schmunzeln und befreites Lachen beim Erinnerungsabend in der Stadtbücherei Coburg mit dem Titel "Wir sind so frei": Erste Wahlen und demokratischer Aufbruch nach 1945 in Coburg".
Unter der sachkundigen und amüsanten Moderation von Edmund Frey und Brigitte Maisch, die auch das Konzept des Abends entwickelt hatten, wurden literarische Texte zur Nachkriegszeit und dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft von Bertolt Brecht, Günter Eich, Wolfgang Borchert, Hermann Hesse, Thomas Mann, Paul Celan und anderen vorgestellt. Daneben sollten kabarettistische Texte und Chansons von Erich Kästner, Werner Finck und anderen unterstreichen, wie sehr damals die Stimmung schwankte zwischen Hoffnung und Enttäuschung.
Stephan Mertl vom Landestheater Coburg hat nicht nur diese Texte engagiert vorgetragen, sondern gemeinsam mit Dagmar Weiß am Akkordeon, deren einfühlsame Begleitung sich schon bei den Kabarettsongs gezeigt hat, auch mit Schlagern der Zeit - von "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n" und "Wochenend und Sonnenschein" bis zu Cole Porters "Don't fence me in" von 1944 - die Atmosphäre der Nachkriegszeit lebendig werden lassen. Das ist, wie an manchen Reaktionen des Publikums zu sehen war, spürbar gelungen.
Die Kommentare von Rupert Appeltshauser zum historischen Hintergrund der Zeit ließen erkennen, dass vor allem im Blick auf die restaurativen Züge der späten 40er und der 50er Jahre Kästners Vorbehalt "Wir sind so frei! Das heißt: Soweit's erlaubt ist" nicht unberechtigt erscheinen mag. Die Signalwirkung der ersten Wahlen von 1946 für die junge Demokratie ist trotzdem nicht zu verkennen.
Ergänzt wurde die Veranstaltung durch eine kleine Ausstellung aus Beständen des Stadtarchivs und der städtischen Sammlungen, zusammengestellt vom Stadtheimatpfleger Hubertus Habel. Ein besonderer Blickfang, der auch sofort nach der Veranstaltung erprobt wurde, war eine Pferderennbahn von 1949, eine Neuerwerbung der städtischen Sammlungen.
Der Abend war eine gemeinsame Veranstaltung der Stadtbücherei Coburg, der "Initiative Stadtmuseum", der AG "Lebendige Erinnerungskultur" und der Initiative "Partnerschaften für Demokratie Coburg Stadt und Land"; gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!".
Werner Stubenrauch