Die verflixte Corona-Zeit hat Prothesen-Sprinter Felix Streng dazu genutzt, sein Trainingssystem komplett umzustellen. "Ich habe meine eigenen Strukturen hinterfragt und wollte alles optimieren. Einen neuen Weg gesucht und ihn auch gefunden. Dafür habe ich alles auf den Kopf gestellt."

Nur ein Jahr vor den Paralympics in Tokio sei er ganz bewusst ein gewisses Risiko eingegangen, aber das hätte sich nun ausgezahlt: "Ich habe bewiesen, dass es geht." Tatsächlich: Der aus dem Meederer Gemeindeteil Herbartsdorf im Landkreis Coburg stammende Leichtathlet gewann die Goldmedaille über 100 Meter in 10,76 Sekunden und holte Silber über 200 Meter (21,78 Sekunden).

Von Leverkusen nach London

Ende 2020 verließ er das Para-Leichtathletikteam von Bayer Leverkusen, in dem er acht Jahre lang intensiv trainierte und gefördert wurde und erstmals zum Olympiasieger reifte. Er wechselte zum Sprintteam Wetzlar und verlegte seinen Lebensmittelpunkt in die englische Hauptstadt nach London. Aus gutem Grund: "Die Engländer sind in der Leichtathletik führend." Mit Sprintcoach Steve Fudge fand er nach einem längeren Auswahlprozess den seiner Meinung nach besten Trainer. Er sei ein "echter Tüftler" und "ein Erforscher des Rennens und seiner Kräfte". Mehr noch: "Es ist für mich hochinteressant und absolut gewinnbringend, wenn man mit einem Trainer zusammenarbeitet, der so biomechanisch rangeht wie Steve", ist Streng begeistert. Über 2000 Trainingsvideos wurden in London aufgenommen.

Komfortzone verlassen

"Natürlich musste ich dafür auch meine Komfortzone verlassen und einfach alles ändern. Ich habe ja nicht nur den Trainer gewechselt, auch das Umfeld und die Prothese. Neue Ansätze für Technik-, Kraft-, Koordination- und Mentaltraining kennengelernt. Wir haben mit moderneren Methoden und einem komplett neuen Staff gearbeitet. Das alles hatte so etwas wie einen Start-up-Charakter für mich", erklärt Felix Streng, der am Mittwochvormittag auf Einladung der Wirtschaftsfördergesellschaft (Wifög) zu einem Vortrag in die Vestestadt eingeladen war. Dabei plauderte er fleißig und wortgewandt aus dem Nähkästchen.

Ohne Unterschenkel in Bolivien geboren

Auf den 1995 in La Paz in Bolivien ohne rechten Unterschenkel zur Welt gekommenen Athleten trifft die abgedroschene Olympia-Floskel vom "Dabeisein ist Alles" keinesfalls zu. Streng wollte von Anfang an mehr. Er strebte in Tokio nach Gold. "Ich habe im Vorfeld angekündigt, dass ich gewinnen will. Deshalb spürte ich schon einen gewissen Druck. Aber ich war mental gut vorbereitet." Alles müsse an so einem Final-Tag passen. Der Kopf und der Körper. Auch wenn das Finale erst abends um 21 Uhr stattfand, seine Vorbereitung auf die wichtigsten zehn Sekunden des Jahres begannen am 30. August bereits früh um 7 Uhr. "Der Tag war genau geplant und lief ganz strukturiert ab", sagt Streng. Die Atmosphäre bei seinem Gold-Lauf sei aber ohne Zuschauer auf den Rängen ungewöhnlich gewesen. "Ein volles Stadion ist schließlich der Traum eines jeden Leichtathleten. Aber ich bin froh, dass die Spiele mit einem Jahr Verzögerung überhaupt stattfanden", bilanziert der Wahl-Londoner, dem vor allem die vielen enttäuschten Gastgeber leidtaten: "Die Vorfreude bei den Japanern war riesengroß und dann durften sie nicht ins Stadion." Überhaupt seien die ständigen Corona-Auflagen und -kontrollen "sehr streng" in Tokio gewesen.

Ehrgeizige Ziele und Paris schon im Kopf

Felix Streng gönnt seinem Körper derzeit eine Auszeit. Zwangsläufig, denn noch kämpft er mit den Folgen eines Muskelfaserrisses im Oberschenkel. "Ich habe mir beim Aufwärmen vor dem 200-Meter-Finale den Adduktor gezerrt, ich konnte mir nicht mal den Schuh richtig anziehen. Aber ich wollte unbedingt laufen", erzählt er in Coburg von seinem Handicap, das ihn in Tokio ausbremste und den angestrebten Doppelsieg wahrscheinlich auch verhinderte.

Doch den strebt er in drei Jahren in Paris an, wenn er bei den nächsten Paralympischen Spielen seinen Titel über 100 Meter verteidigen und den über 200 erobern will: "Wir stehen in London erst am Anfang unserer Zusammenarbeit und haben noch viel vor." Es gibt für ihn und sein Team nach eigenen Worten keine Limits. Die Zehneinhalb-Sekunden-Marke will er in absehbarer Zeit knacken - derzeit steht seine Bestzeit bei 10,67. Ein ehrgeiziges Ziel, knapp zwei Zehntel sind auf der Königsstrecke über 100 Meter eine halbe Ewigkeit. Doch wer Felix Streng am Mittwoch in Coburg erlebte, traut diesem Energiebündel auch das zu.