Roland Schönmülleer Wenn Steine reden könnten! Doch die Zeit geht dahin und die damit verbundenen Quellen und Erkenntnisse sind nicht immer leicht zu finden. Beispiel Lahm im Frankenwald. Wer der dortigen schmucken Pfarrkirche St. Ägidius einen Besuch abstatten möchte, erreicht das Gotteshaus über ein imposantes Barock-Portal und den sehr gepflegten Friedhof. Zuvor lohnt sich ein Innehalten und Verweilen an der westlichen Außenwand unweit der Sakristei. Dort kann man noch heute das Fragment eines Priestergrabes entdecken.

Für wen ist es errichtet worden? Wer war der Geistliche? Das kleine, noch gut erhaltene Sandstein-Denkmal ist in die Kirchen-Außenmauer eingelassen, stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zeigt reliefartig Lorbeer und priesterliche Insignien: Stola, Klerikerhut (Galero), Kelch, Tabernakel und Bibel. Was fehlt, ist der Name des hier Bestatteten. Doch der Blick in die Geschichte der Pfarrei Lahm lüftet das Geheimnis dieses anonymen Priestergrabes. Es handelt sich um die Grabstätte von Pfarrer Johann Konrad Mitlacher, der als 94-jähriger Geistlicher da seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Die Liste der in Lahm wirkenden Seelsorger ist lang. Namentliche Überlieferungen hiesiger Seelsorger setzen aber erst im 15. Jahrhundert ein. Die Pfarrei Lahm selbst ist wesentlich älter, wurde wohl schon im Hochmittelalter, im 12. Jahrhundert, unter dem heiligen Bischof Otto I. von Bamberg, gegründet und soll eine der ältesten Pfarreien im Frankenwald sein. Im 13. Jahrhundert wurde Lahm vermutlich von der Kronacher Mutterpfarrei getrennt und zur eigenständigen Pfarrei erhoben.

62 Jahre Pfarrer in Lahm

1750, ein Vierteljahrhundert nach Fertigstellung der Barockkirche, wird Pfarrer Johann Konrad Mitlacher mit der Pfarrei Lahm betraut. Er bleibt 62 Jahre, also muss es ihm hier sehr gefallen haben. Beliebt war er wohl nicht nur bei seinen Gläubigen und Amtskollegen, sondern auch bei den höheren geistlichen und weltlichen Würdenträgern: für seine seelsorgerischen Verdienste erhielt er mehrere fürstbischöfliche und königliche Auszeichnungen.

Was waren die Gründe seiner Belobungen? Als sparsamer Pfarrherr vergrößerte er das Kirchenvermögen von Lahm und der Filialkirchengemeinde Effelter und betrieb eine effektive Pfarrwald-Nutzung. Das schon damals bestehende alljährliche Skapulierfest im Juli, ein Marienfest mit Wallfahrts-Tradition, zog seit 1726 gläubige Pilger aus dem gesamten katholischen Frankenwald an. Pfarrer Mitlacher erlebte und organisierte vorzüglich auch die bischöfliche Weihe der neuen Kirche, die erst vierundvierzig Jahre nach der Fertigstellung erfolgte. Im Jahr 1800 konnte er selbst sein 50. Priesterjubiläum feierlich mit festlichen Musikklängen, poetischen Ansprachen und den Gläubigen aus Wilhelmsthal, Hesselbach, Lahm und Effelter begehen. Voll des Lobes waren hierbei die Ausführungen der Ehrengäste.

Zwölf Jahre später stirbt der Lichtenfels Geborene am 28. Juni 1812 im 94. Lebensjahr. Unweit vom Kirchen-Inneren und dem Altar befindet sich seine Ruhestätte an der westlichen Sakristei-Außenwand, sicherlich mit Absicht und voller Symbolik von ihm gewünscht: heute fragmentarisch, anonym und bescheiden - eine Informationstafel über Pfarrer Johann Konrad Mitlacher wäre in unserer Zeit für die Nachwelt wünschenswert.

Hintergrund: Johann Konrad Mitlacher wurde am 21. Oktober 1718 als Sohn der Eheleute Johann Paul und Anna Dorothea Mitlacher in Lichtenfels geboren. Der Taufpate von ihm hieß Johann Sieber und hatte in der oberfränkischen Stadt die Funktion eines Viertelmeisters inne. Nach dem Besuch der hiesigen Schule und Studienanstalt widmete er sich der Theologie und wurde nach dem erfolgreichen Studienabschluss "in den geistlichen Stand aufgenommen".

Vor seiner Berufung zum Pfarrer von Lahm war Mitlacher Kaplan in Hollfeld und Kronach, später sogar Definitor des "Cronacher Ruralkapitels" und sollte auf Vorschlag des Fürstbischofs zum Dechant befördert werden. Doch er hatte seine Pfarrgemeinde Lahm "so liebgewonnen, dass er besorgnißvoll sie durch überhäufte Berufsgeschäfte etwas zu vernachlässigen auf jene Ehrenstelle gerne Verzicht leistete", heißt es in einem fränkischen "Intelligenz- und Gelehrtenblatt". Durch "weise Sparsamkeit" und "Uneigennützigkeit" vergrößerte Johann Konrad Mitlacher die Vermögenskapitalien seiner beiden Kirchen in Lahm und Effelter von 6000 Gulden (1750) auf 36 000 Gulden (1808). Seine "rathende Bruderstimme" wurde für seine Amtskollegen sehr geschätzt, "sein Charakter war stets untadelhaft, sein Eifer am Gottesdienst unermüdet, seinem Nebenmenschen wohltätig zu sein, war ihm von jeher die größte Seligkeit".