Carmen Schmitt

Ende Januar geht der Notruf aus Aura ein: Ein Mann ist auf der zugefrorenen Saale ins Eis eingebrochen und im Fluss versunken. Die Meldung löst einen Großeinsatz aus. Montagmittag, draußen minus sieben Grad. In den nächsten drei Stunden werden über 90 Helfer im Einsatz sein, um das Leben eines Mannes zu retten. Vergebens. Was sie nicht wissen: Es gibt gar keinen Verunglückten. Niemand ist an diesem Tag an der Saale ins Eis eingebrochen. Der Notruf war falsch. Absichtlich. Ein Feuerwehrmann hatte die Meldung verbreitet und den falschen Alarm ausgelöst. Vom Kissinger Amtsgericht wurde er jetzt verurteilt.
Sagen wollte er nichts während des zweistündigen Prozesses. Der 20-jährige Angeklagte ließ seinen Anwalt für sich sprechen. Er bleibt dabei: Vor acht Monaten will er beim Joggen einen jungen Mann beobachtet haben - etwa 25 Jahre alt, dunkel gekleidet - wie er auf der zugefrorenen Saale bei Aura ins Eis eingebrochen und kerzengerade im Fluss versunken sein soll. Sein Verhalten, nachdem er das vermeintliche Unglück mitangesehen haben will, hält die Richterin für "sehr auffällig".
Der Angeklagte setzte nicht etwa selbst einen Notruf ab, sondern informierte seine Großmutter und ließ sie die Nummer der Feuerwehr wählen. "Die Oma wusste es nicht besser", so die Richterin. Der 20-Jährige aber hätte es besser wissen müssen, meint sie: "Sie als Feuerwehrmann fahren mit dem Auto weg, statt vor Ort zu helfen?"
Einem Spaziergänger gibt er Anweisungen, die "Augen offen zu halten" und taucht selbst kurze Zeit später mit seinen Feuerwehrkameraden aus Aura im Mannschaftswagen am Unfallort wieder auf - mit neongelber Einsatzleiter-Warnweste.
"Sie haben es offenbar genossen, eine wichtige Person zu sein", urteilt die Richterin. Polizisten, Feuerwehrleute aus Aura, Euerdorf und Westheim, Wasserretter, Taucher und Bootsführer von der Kissinger und der Neustädter Wasserwacht, Wasserschutzpolizisten, Rettungskräfte, ein Notarzt und Luftretter rücken an. Das volle Programm. 92 Leute sind in Alarmbereitschaft. Bricht jemand ins Eis ein, zählt jede Sekunde. "Wir müssen uns beeilen, diese Person hat nicht lange Zeit", meint einer der Polizisten im Einsatzauto zu seinem Kollegen. Die beiden waren die Ersten an der angeblichen Unglücksstelle, erzählt der Beamte vor Gericht. Drei Monate lief der Fall in den Akten der Polizei als Unglücksfall. Dann gingen die Ermittlungen in eine andere Richtung. Heute sitzt der 20-Jährige wegen Missbrauch von Notrufen auf der Anklagebank.


Einbruchspuren: Fehlanzeige

Für die Retter deutet an der Saale nichts darauf hin, dass jemand ins Eis eingebrochen ist: kein Loch im Eis, kein Riss, keine abgebrochenen Äste, kein eingedrücktes Gras. Einbruchspuren: Fehlanzeige. "Es kam mir komisch vor", sagt einer der Taucher, die bei frostigen Außentemperaturen im Neoprenanzug der Wasserwacht vom Boot in die eiskalte Saale klettern. An der Stelle, die der Angeklagte als Unglücksort ausmacht, steht der 1,80 Meter große Taucher hüfthoch im Wasser. Wo genau ist der Mann eingebrochen?, bohrten Feuerwehrleute und Polizisten immer wieder nach. "Da, wo er reingefallen sein soll, war gar kein Eis", sagt der Taucher.
Weiter drüben, "genau bei dem Baum", habe der Angeklagte seine Anweisungen nachträglich korrigiert. Nichts. Zehn Zentimeter war das Eis an der anderen Stelle dick, berichtet ein Polizist. Das Eis wurde mit Booten und Kettensägen aufgebrochen. Nichts. Von der Wasserrettung die Ansage: "Ganz ausschließen kann man es nicht". Weitersuchen.


Zwei Hubschrauber im Einsatz

"Man gibt nie auf als Retter", sagt der ehrenamtliche Helfer der Wasserwacht. Aus der Luft wurden mit zwei Hubschraubern die Wasseroberfläche und der Waldrand abgesucht. Vom Ufer aus beobachtet der Angeklagte, wie seine Kameraden und die Rettungskräfte sich abmühen. Es sollte über drei Stunden dauern, bis der sinnlose Einsatz in der Kälte abgebrochen wurde. Überlebenschancen hätte da längst keiner mehr gehabt.
Bis heute ist keine Wasserleiche gefunden worden. Nach Fachmeinung eines Zeugen hätte die spätestens ein paar hundert Meter weiter am Wehr des Auraer Wasserwerks auftauchen müssen. Während des Winters - nichts. Nach dem Frühjahr - nichts. Eine Vermisstenanzeige mit der entsprechenden Personenbeschreibung habe es laut Polizei damals in der ganzen Region nicht gegeben.


"Lass die Hosen runter"

Noch während des Einsatzes nehmen Polizisten und Feuerwehrleute den Angeklagten zur Seite: "Stimmt das wirklich, was du sagst?" Später bei der Vernehmung auf der Polizeiwache noch einmal: "Wir hatten ein gutes Gespräch, wir haben ganz deutlich gesagt: Lass die Hosen runter", sagt der Ermittler. Der 20-Jährige bleibt bei seiner Geschichte. Bis heute. Auch nachdem ihm die Richterin ins Gewissen redet.


Psychische Probleme?

"Sie wollten im Rampenlicht stehen", sagt der Staatsanwalt. Er rechnet mit mehreren zehntausend Euro Schaden, den der falsche Notfall verursacht hat. Allein die Kosten für den Einsatz der beiden Hubschrauber werden auf bis zu 10 000 Euro geschätzt. Der Staatsanwalt fordert, den 20-Jährigen wie einen Erwachsenen zu bestrafen - entgegen der Empfehlung der Jugendgerichtshilfe.
Der junge Mann steckt mitten in der Ausbildung. Er arbeitet als Handwerker und ist laut Gutachten engagiert, integriert und aktiv. Bei der Freiwilligen Feuerwehr leitete er die Jugendfeuerwehr. Zum Zeitpunkt der Tat war der beschuldigte Feuerwehrmann 19 Jahre alt. Ein psychisches Problem erkennt die Jugendgerichtshilfe bei ihm nicht: "Es gibt keine Hinweise. Er war sehr klar und unauffällig."
An dem Motiv gibt es für das Gericht keine Zweifel: Geltungsbedürfnis. "Sie hatten für ein paar Stunden eine Wichtigkeit in Ihrem Leben, die Sie ohne erfundenen Notfall nicht gehabt hätten", sagt die Richterin. Wegen Missbrauchs von Notrufen verurteilt sie den jungen Mann und behandelt in aufgrund von "Reiferückständen" wie einen Jugendlichen. Die Geldstrafe in Höhe von 2000 Euro soll er an die "Arbeitsgemeinschaft Sozialisation" (AGS) mit der Vermittlungsstelle für gemeinnützige Arbeit zahlen. Sein Vergehen wertet die Richterin schwer: "Das war eine andere Hausnummer: Sie haben damit das Vertrauen der Ehrenamtlichen missbraucht."