Stephan Herbert Fuchs

Kulmbach —  Ein über 40 Jahre lang nahezu unbehandeltes Drogenproblem bringt einen 60 Jahre alten Kulmbacher jetzt geradewegs hinter Gitter. Nicht nur, dass der Mann etliche Vorstrafen wegen der verschiedensten Drogendelikte hat, der ehemalige Fabrikarbeiter ist auch seit langem erwerbsunfähig und lebt von einer kleinen Rente.

Sein Leben hat der Mann ganz offensichtlich längst nicht mehr im Griff. Die Polizisten, die seine Wohnung im Stadtgebiet durchsuchten, riefen zur Sicherheit sogar das Gesundheitsamt, so verwahrlost waren die Räume. "Der Boden war vollständig mit den verschiedensten Dingen belegt, man kam kaum durch", erinnerte sich eine Polizistin. Sie beschrieb die Räumlichkeiten als absolut unordentlich und unhygienisch.

Ausgekochte Pflaster

Dennoch wurden die Beamten in dem Chaos fündig. Insgesamt neun ausgekochte Fentanyl-Pflaster fanden die Beamten. Dabei handelt es sich um ein synthetisches Opioid, das normalerweise als Schmerzmittel bei Narkosen sowie zur Therapie akuter und chronischer Schmerzen eingesetzt wird. Fentanyl fällt aber auch unter das Betäubungsmittelgesetz, weil es in Pulverform zur Streckung von Heroin und ausgekocht zur Herstellung von Crystal verwendet werden kann. Eine Überdosierung führt zu Atemnot und im schlimmsten Fall zum Tod.

Auf die Spur gekommen waren die Beamten dem Angeklagten am 4. März dieses Jahres in der Oberen Stadt. Gegen 20 Uhr hatten sie ihn an der Kreuzung Schießgraben einer Kontrolle unterzogen, weil er sich auffällig verhielt. "Als er uns gesehen hat, wurde er sichtlich nervös und lief immer schneller", sagte die Polizistin. Die Kontrolle ergab eine geringe Menge Crystal in einer Plastikbox sowie ein neues Fentanyl-Pflaster. Erst daraufhin durchsuchten die Beamten auch die Wohnung. Vor Gericht gab der Mann alles zu.

Er habe das Crystal und das Pflaster zehn Minuten zuvor von einem ihm angeblich unbekannten Russen in der Fußgängerzone erworben. Warum der Mann nach seiner letzten Verurteilung im März des vergangenen Jahres weder bei der Suchtberatung noch bei seinem Bewährungshelfer war, wollte Richterin Sieglinde Tettmann wissen. Weil er Angst vor einer Corona-Ansteckung habe, sagte der Angeklagte. Er gehe so wenig wie möglich raus. "Aber in der Oberen Stadt laufen Sie ja auch rum", so die Richterin. Corona müsse eben für vieles als Ausrede herhalten.

Tatsächlich wurde der 60-Jährige allein in den zurückliegenden sieben Jahren fünf Mal wegen Drogendelikten verurteilt. Mal zu Geldstrafe, mal zu Bewährungsstrafe, und auch eine kurze Gefängnisstrafe war schon dabei. Angeblich plant der Angeklagte jetzt wieder eine Therapie, gekümmert hat er sich darum aber noch nicht.

Keine Verurteilung, sondern ein medizinisches Gutachten zur Therapierbarkeit seines Mandanten beantragte Verteidiger Frank Stübinger. Nur mit Hilfe einer Therapie werde der Angeklagte von den Drogen wegkommen, andernfalls werde es spätestens nach der Entlassung aus dem Gefängnis so weitergehen wie in der Vergangenheit, argumentierte er.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft forderte dagegen die letztlich auch verhängten vier Monate Haft ohne Bewährung. Aufgrund der zahlreichen einschlägigen Vorstrafen sei keine Bewährung mehr möglich.

Insgesamt sieben Monate

Nachdem der Angeklagte erst im März 2020 zu drei Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, wird er nun insgesamt sieben Monate absitzen müssen. Um eine Therapie antreten zu können, müsse der Mann selbst aktiv werden. Wenn er angeblich wegen Corona nicht zur Suchtberatung gegangen ist, dann klinge das schon ein wenig nach Ausrede.