"Wer in diesen Teil der Normandie reist, begegnet fast bei jedem Schritt der Kriegsgeschichte", sagt Bürgermeister Jürgen Hennemann. Trun liegt im "Kessel von Falaise", durch den die deutschen Truppen sich zurückziehen wollten, nachdem die Alliierten die französische Küste erobert haben.
Die großen Gedenkstätten befinden sich an der Küste, wo die Alliierten im Juni 1944 gelandet sind. Im Landesinneren, bei Chambois, fanden bei dem Rückzug die entscheidenden Gefechte statt. In Tournai-sur-Dive, einem kleinen Dort neben Trun, kam es nicht mehr zum Kampf. Der örtliche Pfarrer gelangte mit Unterstützung des deutschen Militärarztes Baumann zu den Alliierten, die deutschen Soldaten ergaben sich einem Kanadier, das Dorf blieb verschont. Hätten sich die Deutschen auf ihrem Rückzug nicht ergeben, die Alliierten hätten das Dorf zerstört und Tausende wären umgekommen.
"Diese Geschichte war es, die uns letztlich nach Trun geführt hat", erläutert Hennemann. Denn der deutsche Militärarzt Baumann vom Rang eines Majors ließ sich nach Krieg und Gefangenschaft in Ebern nieder, praktizierte dort jahrelang und nahm die Geschichte, wie er den Krieg für sich beendete, mit ins Grab. Michel Levefre, ein pensionierter Tierarzt aus Argentan, fand Baumanns Namen heraus und meinte, er müsse postum gewürdigt werden für das, was er tat: Er hatte immerhin geholfen, ein Dorf zu retten.
Aus Levefres Geschichtsforschung und ersten gegenseitigen Besuchen erwuchs schließlich ein Schüleraustausch des Eberner Friedrich-Rückert-Gymnasiums mit dem College in Trun. Ein College entspricht in etwa einer Realschule; hat man es erfolgreich absolviert, kann man aufs Gymnasium wechseln.
Die Schule in Trun wird vom Departement getragen; der Ort selbst hat nur 1700 Einwohner. Trotzdem kann man einige Gemeinsamkeiten mit Ebern entdecken. Hier wie da gibt es ein Altenheim, das auf ein Jahrhunderte altes Spital zurückgeht. Hier wie da stehen die Kommunalpolitiker vor ähnlichen Problemen: Es droht Ärztemangel, junge Leute verlassen die Region, weil sie keine Arbeit finden.
In Trun gibt es einen Industriebetrieb, der Modellbausätze herstellt. Ansonsten ist die Region landwirtschaftlich geprägt. Es gibt Milchwirtschaft und Käseherstellung (Camembert ist gleich um die Ecke), aus Äpfeln werden Cidre und Calvados gewonnen. Viele Bauernhöfe sind zu Gestüten oder Pferdepensionen umgewandelt worden. Auch die Pferdezucht hat hier eine lange Tradition.
"Wir wollen den Austausch über die Schulen hinaus befördern", beschreibt Hennemann das Anliegen, das ihn Anfang Mai mit einigen Stadtratsmitgliedern nach Trun geführt hat. Der Eberner Stadtrat hat beschlossen, freundschaftliche Beziehungen aufnehmen zu wollen, die vielleicht in eine offizielle Städtepartnerschaft münden können. "Aber zu einer Partnerschaft gehören zwei, und wir wollen die Truner zu nichts drängen", betont Hennemann.
Anknüpfungspunkte gibt es: Trun hat ein reiches Vereinsleben, es gibt eine Musikschule, Sportvereine. "Das Problem ist dort aber die Unterbringung", wie Hennemann aus eigener Erfahrung weiß. Ein größeres Hotel gibt es in Trun nicht. Wer so etwas sucht, muss in die Nachbarstadt Argentan ausweichen.
"Deshalb waren wir in Trun privat untergebracht", berichtet Hennemann. Mitglieder des Gemeinderats nahmen Eberner Gäste bei sich auf. Die Sprachschwierigkeiten wurden, so vorhanden, mit Händen, Füßen, Wörterbüchern und Übersetzungshilfe per Handy überwunden. "Schon am zweiten Abend, als uns der Gemeinderat zum offiziellen Begrüßungsabend eingeladen hat, haben sich Deutsche und Franzosen verständigt", berichtet Hennemann erfreut. Auch Michel Levefre nahm an diesem Abend teil und freute sich, dass seine Forschung en zur Verständigung zwischen den Völkern beitragen.
In Erinnerung an Major Baumann soll in Tournai noch eine Gedenktafel aufgestellt werden, das Gegenstück zu der, die im Eberner Anlagenring am Schumacherhaus steht. Der Apfelbaum, eine Reinette Baumann, wurde bereits am Ortseingang von Tournai-sur-Dive gepflanzt, wo der Verein "Spiegel der Seelen" eine Gedenkstätte für alle Opfer im Kessel von Falaise/Chambois angelegt hat.
"Wir waren beeindruckt von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit, mit denen die Truner uns empfangen haben", sagt Hennemann. "Aber wir müssen es auch respektieren, wenn sie sich das mit der Partnerschaft gut überlegen wollen." Denn eine Partnerschaft zu gründen ist leicht - man muss sie auch leben. Seit über 20 Jahren pflegt Trun seine Partnerschaft mit Fajsz in Ungarn. Auch der Truner Bürgermeister Jacques Prigent weiß, dass die Zukunft im geeinten Europa und der Völkerverständigung liegt. Im Herbst wollen er und seine Gemeinderäte entscheiden, ob 2019 der Gegenbesuch in Ebern erfolgt. red