In Marktleugast erinnert wenig an den großen Künstler Hans Rucker, der hier vor 90 Jahren geboren wurde. Eine kleine Straße wurde nach ihm benannt, sein Haus nach seinem Tod vor zehn Jahren verkauft. Allerdings kann man in der benachbarten Siedlung Mannsflur gleich mehrere vorzügliche Arbeiten Ruckers für die evangelische Kirche bewundern.

In der nach 1949 entstandenen Siedlung haben 700 Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat gefunden. Als 1957 die heutige Bethlehemkirche geplant wurde, war es für den Stadtsteinacher Architekten Emil Schomberg selbstverständlich, den hochbegabten Rucker mit der künstlerischen Ausgestaltung zu betrauen. Der damals 26-Jährige hatte gerade das Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie in München abgeschlossen, dem eine Lehre als Holzbildhauer in Berchtesgaden vorausgegangen war.

Seine ersten Aufträge sind Arbeiten für Kirchen im engeren Umkreis. Der protestantische Kirchenbau der späten 1950er und 1960er Jahre erlebt einen Boom. Die Experimentierfreude ist enorm, Architekten übertreffen sich mit kühnen und avantgardistischen Projekten. Für den jungen Bildhauer ist dies eine spannende Herausforderung, künstlerische Akzente zu setzen und unterschiedliche Techniken und Materialien zu erproben. Was entsteht, sind kraftvolle Arbeiten, die auch heute noch faszinieren: Für die Christuskirche in Bayreuth gestaltet er eine kreisförmige Holzlamellendecke; in der Mitte das Gottesauge, das Symbol der Trinität, von dem wellenförmige Strahlen ausgehen. Für die zeltförmige Dreieinigkeitskirche in Bad Staffelstein modelliert er als "Begrüßungsschmuck" ein Kalksteinrelief über dem Hauptportal mit der Taufe Jesu. Für die Kirche Mannsflur arbeitet Hans Rucker erstmals mit Bronze.

Dino wird Kult

Ruckers frühe Meisterwerke bringen ihm 1966/67 ein Stipendium an der Villa Massimo in Rom ein. Die Akademie ist eine Künstlerschmiede der Avantgarde und dient der Spitzenförderung deutscher Künstler. Als er zurückkommt, beteiligt er sich bei einer Ausschreibung für die künstlerische Gestaltung des Pausenhofs des Bayreuther Graf-Münster-Gymnasiums. Dass er den Zuschlag erhält, wundert nicht, denn er hat einen genialen Einfall, der mit dem Selbstverständnis der Schule zu tun hat: Das GMG sieht sich dem Forschergeist des Paläontologen Georg Graf zu Münster verbunden. 1836 hat er in einem Steinbruch auf dem Oschenberg bei Bayreuth das erste zusammenhängende Skelett eines Sauriers ("Nothosaurus mirabilis") entdeckt, ein Untier von vier bis fünf Metern Länge mit langem schlankem Hals und spitzen Fangzähnen, das vor 200 Millionen Jahren das Muschelkalkmeer beherrschte.

Rucker liegt es fern, das Tier realistisch nachzubilden, sondern er bleibt seinem Stil treu. Er bricht einen tonnenschweren Block Kleinziegenfelder Kalksteins und haut aus ihm eine querliegende Plastik. Wuchtig soll sie sein, die Kraft des Steines soll erhalten bleiben und ein optisches Gegengewicht setzen zur Weiträumigkeit des Platzes und der benachbarten Gebäude. Doch Furcht muss keiner vor dem urzeitlichen Koloss haben. Er ruht in sich, unberührt von der Hektik um ihn herum. Und er wirkt gutmütig, sanft, ja verschmust - eine einzige Einladung, auf ihm herumzuturnen.

Der steinerne Saurier wird am Graf-Münster-Gymnasium Kult. Als Piktogramm fungiert er als Schul-Logo. Der Dino allerorten, auf Plakaten, Krawatten, T-Shirts, als vergoldete Anstecknadel, von Schülern gemalt, gezeichnet, collagiert, karikiert. 1979 kommt Rucker seinen Saurier-Fans entgegen und entwirft für die Frontseite des Hauptgebäudes spaßige Türgriffe, die der Figur nachgebildet sind. Seit 2007 wird am GMG der Schülerpreis "Dino des Jahres" vergeben für herausragende Leistungen von Schülerinnen und Schülern. Die Festschrift zum 175-jährigen Bestehen der Schule ist eine einzige Eloge auf den Dino-Schöpfer: "Verehrter Herr Rucker, wir können nicht mehr ohne Ihre Figur. Wir sind in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Eine Abhängigkeit, in der wir uns sehr gerne befinden. Die Schulfamilie bedankt sich von ganzem Herzen für Ihr kreatives Schaffen", heißt es.

Tochter Maria übernimmt

Eine enorme Spannbreite kennzeichnet das Lebenswerk des gebürtigen Marktleugasters, der seinen Lebensmittelpunkt nach München verlegt hat. Vor allem als Brunnen- und Platzgestalter in Universitätsstädten wie München, Erlangen und Regensburg macht er sich einen Namen, doch auch als ein höchst empfindsamer Künstler kirchlicher Projekte. In seiner letzten Schaffensphase stellte er nicht selten in Kunsthäusern und Galerien zusammen mit seiner 1961 geborenen Tochter Maria aus. Meist sind es Skulpturen aus weißem Carrara-Marmor, den er nach Arbeitsaufenthalten in der Toscana mit Maria besonders liebt.

Wie ihr Vater arbeitet Maria Rucker sehr erfolgreich als freischaffende Bildhauerin und ist mit vielen Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet worden.