„Deutschland geht Waldbaden“ – und das am Tag der Sommersonnenwende! Bei etwas kritischem Bewusstsein stutzt man eventuell doch, wenn man mit diesem Vokabular eine Einladung erhält: Einerseits liest (oder hört) man da das Modewort „Waldbaden“, das erst seit kurzem im Gebrauch ist, über das man aber noch schmunzeln kann; andererseits weckt (zumindest das Feiern der) Sommersonnenwende – wenn auch nicht unbedingt persönliche – Erinnerungen an das auch missbräuchliche Begehen der Tag- und Nachtgleichen jedes Jahr am 21. Juni.

Aber spätestens, wenn man die beiden Leiterinnen der Benefizveranstaltung im Wald und auf Wiesen direkt bei der Burg Feuerstein kennengelernt – und möglichst auch den gesamten Informationstext über die seit zwei Jahren laufende Aktion gelesen – hat, weiß man, dass keinerlei Grund zur Besorgnis vorhanden ist. Sibylle Appoldt, Diplomingenieurin, Wald-, Natur- und Umweltpädagogin sowie Wald-Gesundheitstrainerin, begrüßte gegen 18 Uhr auf dem Parkplatz der Burg insgesamt 16 Teilnehmer, 15 Frauen und einen Mann . Sie erläuterte noch einmal die Hintergründe der Veranstaltung, die das Ziel hat, „die wohltuende Wirkung des Waldes mit allen Sinnen zu erfahren und damit die Wertschätzung für das Ökosystem Wald zu stärken“.

Entspannung und Konzentration

Da der Klimawandel den Wäldern sehr stark zusetze, solle „Deutschland geht Waldbaden“ ein Zeichen sein. Die Teilnehmergebühren gehen demnach an die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald , die damit auch Wiederaufforstungsprojekte in den jeweiligen Regionen unterstützt.

Silvia Pfeufer, (wie Appoldt in Weilersbach lebende) Yoga-Lehrerin , verhalf allen Teilnehmern in den nächsten zweieinhalb Stunden nach jeweils kleinen gelaufenen Waldstrecken zu Entspannung, Muskellockerung und bewusstem Atmen, aber auch zu Konzentration auf Herz und Nieren mit Übungen aus dem weniger philosophisch akzentuierten, sondern eher körperbetonten Hatha-Yoga, das typischerweise in Europa besonders praktiziert wird. Ihre aufmunternde Art, Anweisungen zu geben und die Übungen zu demonstrieren, machte auch dem Ungeübtesten Mut und scheint allenthalben Erfolg für Leib und Seele zu bringen – was man durchgängig auch an der guten Stimmung merken kann.

Appoldt gab mit Zitaten von Goethe (als Naturforscher ), mit Musik – „Waldesruh“ von Dvorak – und mit Erklärungen, aber auch Meditationstexten, zum Beispiel zur in diesem Jahr im Fokus stehenden Rotbuche – die inzwischen leider ähnlich gefährdet ist wie im letzten Jahr schon die Fichte – manche gedanklichen Anregungen. Sie ließ aber auch bei geschlossenen Augen fühlen: Ist der Stamm einer Rotbuche wirklich so glatt, wie er aussieht? Empfinde ich womöglich so etwas wie Geborgenheit , wenn ich mich an den Baum lehne ? Es ist erstaunlich, was in einem Menschen von heute, der sonst vielleicht wenig Kontakt mit der Natur hat, vor sich gehen kann.

Ein Mandala zum Abschluss

Den Abschluss dieses ersten Sommerabends bildete am Platz mit im Kreis aufgestellten Steinbänken das Legen eines Sonnen-Mandalas, nur mit Naturmaterial , das man vor allem auf dem Rückweg gesammelt hatte – stand doch die ganze Aktion unter dem Motto: Hab’ Sonne im Herzen!

Während der Zeit, in der die Teilnehmer das Bild entwickelten, trug Appoldt eine von dem deutsch-baltischen Philologen und Dichter Nikolai Anderson (1845 bis 1905) eine in Gedichtform gebrachte, alte estnische Liebessage vor, die von der gerade in den nördlichen Ländern so selten möglichen Begegnung von „Koit“ und „Hämarik“ erzählt – die Namen stehen für die Morgenröte und die Abenddämmerung.

Zum Abschied durfte sich jeder als Erinnerung ein Foto mitnehmen – vom Zweig einer Buche in strahlendem Sonnenlicht, das die Blätter selbst zum Leuchten bringt. Genau dieser Eindruck und das symbolisch gemeinte Eintauchen mit allen Sinnen in die Waldatmosphäre ist die auch der Umweltpädagogin Appoldt viel liebere Übersetzung des japanischen Begriffes Komorebi als das deutsche Modewort. Und was sagt der einzige Mann am Ende auf die Frage, wie er zum Mitmachen gekommen sei, wie er sich gefühlt habe und warum er keine Mitstreiter gehabt habe? „Ich denke, dass Männer sich genieren, so einer Einladung zu folgen – und das liegt auch an der Ausdrucksweise.

Das ist schade; denn Inhalt und Ziel der noch relativ jungen Veranstaltung haben für Männer und Frauen eigentlich dieselbe Bedeutung, sollten sie auch haben in unserer Zeit des so notwendigen Umwelt- und Naturschutzes. Kenntnisse über den Wald und das wirkliche Wahrnehmen alles Atmosphärischen müsste eigentlich viel selbstverständlicher sein.“

Und ein Vorschlag kam noch: Nein, nicht ein Fässchen Bier mitzuführen, sondern mehr Männer mit einzubeziehen bei der Planung für den 21. Juni 2022, zum Beispiel die Waldbesitzer.