Seine Nachbarn zu verspotten ist nicht unbedingt ein feiner Wesenszug, hat sich aber in vielen Spitznamen fränkischer Orte überliefert . Mit einer Sonderausstellung widmet sich das Pfalzmuseum Forchheim vom Freitag, 24. September, bis zum Sonntag, 31. Oktober (Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Eintritt fünf Euro, ermäßigt 3,50 Euro) den „Zungenausreißern“, „Mauerscheißern“, „Hungerleidern“ oder „Wasserpolacken“ – beinahe jede Stadt und jedes Dorf hat einen bitterbösen Spitznamen. Aus einem Fundus von weit über 3000 solcher fränkischer Verunglimpfungen haben sich die Ansbacher Künstlerin Kerstin Himmler und der Coburger Autor Martin Droschke die prächtigsten Exemplare herausgegriffen, um visuell mit der Kunst der Collage und mit einer spitzzüngigen Feder den Geschichten dahinter auf den Grund zu gehen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Ulrike Götz.

Humor ist gefragt für diese Streifzüge auf die böse Seite der fränkischen Gemütlichkeit. Denn dem Volksmund wird eine ungeheuerliche Kreativität attestiert, wenn es darum geht, komplexe historische Sachverhalte in nur einem Wort zu komprimieren – und sie zugleich mit einer zeitlosen Nachhaltigkeit auszustatten. 400 Jahre nach ihrer Entstehung haben weder die „Tümpelschöpfer“ (Lichtenfels) noch die „Flaggn“ (Herzogenaurach) etwas von ihrer schmerzenden Treffsicherheit verloren.

So verweist etwa die Verunglimpfung der Forchheimer als „Mauerscheißer“ nicht allein auf jene Schnitzfiguren am alten Rathaus , die den Passanten den blanken Hintern entgegenstrecken. Für „Von Hundefressern und Zwiebeltretern“, sein Buch über fränkische Ortsschimpfnamen, das 2019 im Emons-Verlag, Köln, erschien, hat Martin Droschke recherchiert, dass es sich bei dieser frivolen Geste um einen mittelalterlichen Abwehrzauber gegen das Böse handelt. Der Volksmund der Nachbarn griff die ins Stadtbild eingeschriebenen Figuren auf, um die Forchheimer mit der Erinnerung an die schlimmsten Jahre ihrer Geschichte quälen zu können, den Dreißigjährigen Krieg, als mehrere Belagerungen durch die Schweden und Ausbrüche der Pest die Bevölkerung auf ein historisches Minimum dezimierte.

Auch der Spitzname von Ebermannstadt, „Hungerleider“, bezieht sich auf eine Belagerung im Dreißigjährigen Krieg und legt zugleich den Finger in die Wunde, dass die Bewohner des reichen Tors zur Fränkischen Schweiz einmal vor lauter Kärwa, Völlerei und Trunkenheit einen Landstreicher vergaßen, den sie ins Gefängnis geworfen hatten, wo er verhungerte.

Dreidimensionale Arbeiten von Kerstin Himmler laden die Ausstellungsgäste ein, sich zwischen den Reiseetappen durch ein unfeines Franken an ihrer Bildhauerkunst zu weiden. red