Während des Zweiten Weltkrieges lebten nur noch wenige Juden im damaligen Landkreis Forchheim. Sie wurden von Amts wegen vierteljährlich in Strichlisten erfasst. Die Zahlen wurden regelmäßig aktualisiert, Zu- und Abgänge vermerkt. Zum Stichtag 1. April 1940 wurden für die Stadt Forchheim 18 Juden gemeldet, für den Landkreis Forchheim hingegen nur noch zwei Personen, nämlich zwei Frauen in Dormitz. Es waren dies die beiden Schwestern Jette und Karoline Priester .

Zum Stichtag 1. Juli 1940 wurden am Rand zwei Frauen zusätzlich notiert: „1 Jüdin in Schirnaidel und 1 Jüdin in Gräfenberg, die zur katholischen Kirche übergetreten sind.“

Wie kam es, dass ausgerechnet in dem kleinen Weiler Schirnaidel eine Jüdin lebte? Und wie erging es dieser Frau in der Zeit des Nationalsozialismus?

Der Weiler Schirnaidel gehört zur Marktgemeinde Eggolsheim. Er bestand damals aus sieben Anwesen und einer stattlichen Kirche. Im Haus Nr. 3 lebte während des Zweiten Weltkrieges Karola Mirsberger, geborene Adler, die in dem genannten Schriftstück erwähnte Jüdin .

Karola Adler wurde am 23. August 1899 in Karbach bei Marktheidenfeld in Unterfranken geboren und war die jüngste Tochter des Handelsmannes Wolf Adler und dessen Ehefrau Babette Tannenbaum. Karolas Vater übersiedelte 1907 nach Straubing und betätigte sich in der niederbayerischen Stadt als Viehhändler. Nach dem Tod ihrer Mutter zog Karola im Mai 1916 ebenfalls nach Straubing und führte ihrem Vater den Haushalt.

Seit dem 1. April 1923 war der Reichswehrsoldat Johann Martin Mirsberger in Straubing stationiert. Der älteste Sohn des Ehepaars Friedrich und Barbara Mirsberger kam am 14. Oktober 1905 in Schirnaidel zur Welt. Bereits in jungen Jahren musste er auf dem Bauernhof der Eltern anpacken, da der Vater eingerückt war.

Karola trat sogar zum Christentum über

Die Familie von Friedrich Mirsberger zählte insgesamt 14 Kinder. Sohn Martin wollte möglichst früh auf eigenen Beinen stehen. Er suchte nach einer geeigneten Beschäftigung und wurde Soldat. Der spätere Obergefreite half dem Viehhändler Wolf Adler bei dessen Geschäften. Er verkehrte in Adlers Haus und lernte dessen bildhübsche Tochter Karola kennen. Er verliebte sich in die schwarzhaarige junge Frau. Die beiden beschlossen, zu heiraten. Karola Adler war sogar bereit, zum Christentum überzutreten und sich taufen zu lassen. Die standesamtliche Trauung des jungen Paares fand am 2. Juni 1931 in Straubing statt.

Drei Mädchen brachte Karola Mirsberger zur Welt. Noch 1931 wurde Betty geboren. Im Jahr der Machtübernahme Hitlers 1933 kam Ella zur Welt. Am 27. März 1936 starb Karolas Vater. Im Oktober 1936 war die junge Familie bereits nach Schirnaidl umgezogen und lebte im Elternhaus von Martin Mirsberger. Die Gründe für den Umzug sind nicht bekannt. Vielleicht hoffte das Ehepaar , dass die abgelegene kleine Ortschaft mehr Schutz vor den rassistischen Attacken der Nationalsozialisten bieten würde als die Stadt. Karola Mirsberger bekam 1937 ihr jüngstes Kind Agnes.

Den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente Martin Mirsberger mehr schlecht als recht als Viehhändler. Später arbeitete er als Metzger in Forchheim, doch diese Arbeit musste er aus gesundheitlichen Gründen bald wieder aufgeben.

Von den Parteigängern der NSDAP wurde Mirsberger als „Judas“ beschimpft und immer wieder angefeindet, weil er eine „Judenschickse“ geheiratet hatte.

Karolas ältester Bruder, der Arzt Dr. Louis Adler, war 1936 in die USA ausgewandert. Er riet dem Ehepaar dringend, Nazideutschland ebenfalls möglichst bald zu verlassen. Doch dazu kam es nicht.

Im Jahr 1939, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde Martin Mirsberger eingezogen und musste für „Großdeutschland“ kämpfen. Man bedrängte ihn immer wieder, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, doch Mirsberger widersetzte sich diesem Ansinnen.

Von vielen wie Aussätzige behandelt

Während er für Deutschland kämpfen musste, wurden seine Frau und seine Kinder in der Heimat von vielen wie Aussätzige behandelt. Sogar innerhalb der Familie keimten alte Ressentiments gegen Karola Mirsberger wieder auf. Die Behörden wollten den „Judenbankerten“ den weiteren Besuch der Schule verweigern und schlossen die schulpflichtigen Mädchen Betty und Elli vom Unterricht aus.

Doch der katholische Pfarrer Georg Dippold von St. Martin Eggolsheim setzte sich für die Bedrängten ein. Der 1908 zum Priester geweihte Geistliche hatte am 15. Februar 1937 die Pfarrei übernommen. Gemeinsam mit dem Lehrer Michael S., der zwar der NSDAP angehörte, aber kein fanatischer Parteigänger Hitlers war, erreichte Dippold immerhin, dass die beiden schulpflichtigen Mädchen wieder am Unterricht teilnehmen durften.

Karola Mirsberger hatte bereits in Straubing antisemitische Übergriffe auf ihren Vater miterlebt. Nun musste sie gehässige Anfeindungen gegen sich und ihre Kinder erdulden. Seelisch zermürbt, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand immer mehr. Sie war halbseitig gelähmt und litt unter epileptischen Anfällen. 1942 brachte man sie in der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg im Landkreis Lichtenfels unter. Zur gleichen Zeit wurde Martin Mirsberger aus dem Militär entlassen und musste in Nürnberg bei der Beseitigung der bereits unübersehbaren Bombenschäden mithelfen. Die Luftangriffe auf die Stadt hatten 1940 begonnen und waren auch von Eggolsheim aus zu vernehmen.

Sonntag für Sonntag fuhr Mirsberger mit der Bahn nach Ebensfeld und ging von dort aus zu Fuß zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Bezirkskrankenhaus, um seine Frau zu besuchen. Nur eines seiner Mädchen konnte ihn jeweils dabei begleiten.

Doch es sollte noch schlimmer für die Familie kommen: Eine Krankenschwester informierte Martin Mirsberger heimlich darüber, dass seine Frau nach Berlin verlegt werden sollte. Der unglückliche Ehemann konnte die Verschleppung seiner Frau nicht aufhalten. Verwandte der Adlers konnten Karola Mirsberger noch ein paar Mal besuchen, ehe man die kranke Frau am 22. November 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportierte. Dort starb sie am 28. Januar 1945. Die genauen Umstände ihres Todes sind nicht bekannt.

Martin Mirsberger war trotz aller Pressionen standhaft geblieben. Der ohnehin leidgeprüfte Ehemann wurde im Oktober 1944 erneut gedemütigt und in das KZ-Außenlager Zittau gebracht, das zum KZ Groß-Rosen gehörte. Ausgemergelt und erschöpft kehrte er im Juni 1945 in seine fränkische Heimat zurück. Der Güterzug verlangsamte in Eggolsheim sein Tempo, so dass Mirsberger, der dem NS-Grauen entkommen war, abspringen und zu Fuß nach Schirnaidel gelangen konnte.

Von einem Betrunkenen angefahren

In den 1960er Jahren, als seine drei Töchter selbst eine Familie gegründet hatten, heiratete Martin Mirsberger ein zweites Mal. Unglückselig war der Tod dieses aufrechten Mannes, der so viel erdulden musste: Wenige Meter von dem Haus entfernt, das er neu gebaut hatte, wurde er von einem Auto angefahren, das ein Betrunkener steuerte. Martin Mirsberger starb am 8. Juni 1978. Er wurde auf dem Friedhof in Eggolsheim begraben.

„Unser Vater hat nie mit uns über das gesprochen, was man ihm und unserer Mutter angetan hat. Er konnte nicht darüber sprechen. Er hat immer nur geweint“, berichtete Tochter Ella. Ella und Betty sind inzwischen gestorben, nur Agnes lebt noch und kann Zeugnis geben von Hass und Feindschaft, aber auch von Mut, aufrechtem Sinn und wahrer Liebe.