Ein Tankstellenüberfall mitten in Forchheim Anfang Februar bringt einem 38-jährigen Mann kein Glück. Nur wenige Minuten darf er sich über die Beute freuen. Dann muss er in die Läufe gezogener Polizeiwaffen blicken. Am Landgericht Bamberg findet man wenig, was für den Angeklagten spricht. Höchstens seinen jahrzehntelangen Drogenmissbrauch.

Bier zur Entspannung

Bei einem Kumpel hat Henry einige Biere gezischt – zur Entspannung. Dabei ist beinahe ein ganzer Kasten sein tägliches Pensum. Auch einen Joint hat der 38-jährige Mann geraucht. Das macht er schon seit seiner Jugend so. Als er am Nachmittag nach Hause kommt, fällt er über den Rum her und wirft zudem noch einige Tabletten ein. Wie sich später herausstellen wird, hat er so viele genommen, dass ein anderer, der die Tranquilizer nicht gewohnt ist, schön längst mit Atemstillstand umgefallen wäre. Doch Henry, der natürlich ganz anders heißt, hat noch einiges vor. Er braucht dringend Geld – viel Geld.

Aus dem Messerblock in der Küche nimmt er die mit 15 Zentimetern längste Klinge. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zu einer Tankstelle. Mit einer Corona-Maske und einer ins Gesicht gezogenen Kapuze betritt er den Verkaufsraum. Erst einmal peilt er die Lage. Dann geht er zum Tresen, hinter dem eine junge Frau die Autofahrer abkassiert. Henry zieht sein Messer unter der Jacke hervor und fordert Geld. „Ich rechnete mit ein bisschen Kohle.“ Damit will Henry zum einen Mietschulden begleichen. Zum anderen braucht er Nachschub. Seine Marihuanabestände, der Alkoholvorrat und die Medikamentenschachteln haben sich bedrohlich reduziert. Selbst die Fentanylpflaster, die man kaut, raucht oder auskocht, um an das darin enthaltene Betäubungsmittel zu kommen, sind zur Neige gegangen.

Bewertung

„Er hat kein normales Leben geführt“, beschreibt der psychiatrische Sachverständige Thomas Wenske aus Erlangen. Der Tagesablauf habe aus der Beschaffung der Rauschgifte , deren Konsum und der anschließenden Erholung bestanden.

Die Kassiererin gibt ihm nach einigen Diskussionen das Bargeld. Etwas mehr als 1000 Euro wandern in seinen Rucksack. Was Henry nicht bemerkt: Die Mitarbeiterin hat den stillen Alarm ausgelöst. Die Polizeistreife ist schon unterwegs. Beim Hinausgehen rempelt der Räuber noch gegen ein Regal. So ganz sicher ist er mit all den Stoffen im Blut denn doch nicht auf den Beinen. Seine Waffe wirft er kurzerhand weg. Es dauert nicht lange, und Henry wird nicht weit vom Tatort festgenommen . Auf einem Sportgelände versucht er, sich hinter einem Fahrzeug zu verstecken – vergebens. „Plötzlich stand die Polizei mit gezogener Waffe hinter mir.“ Seither sitzt Henry in Untersuchungshaft in der JVA in Bamberg. Eine Einrichtung übrigens, die er zuvor bereits von innen gesehen hat. Er hat in seiner Zelle sogar schon einmal versucht, Selbstgebrannten herzustellen. „Mit Äpfeln, Birnen, Zucker und Tee.“

Für die Justiz ist Henry kein Unbekannter. Seine Jugendsünden sind zwar schon aus dem Vorstrafenregister getilgt. Es finden sich aber immer noch acht Verurteilungen. Die Amtsgerichte in Tirschenreuth, Bamberg und Forchheim ahndeten Drogendelikte , aber auch Beschaffungskriminalität wie Diebstahl und Betrug. Hinzu kamen Körperverletzung und Beleidigung unter dem Einfluss berauschender Substanzen.

Wie schlimm es um Henrys Drang nach Drogen steht, zeigt, dass er schon einmal eine Bewährung in den Sand setzte. Trotz eines Konsumverbotes trank und kiffte er. Um nicht aufzufallen, gab er stark verdünnten Urin ab, verweigerte eine Haarprobe, rasierte sich schließlich sogar den Schädel kahl, nur damit das Screening nichts nachweisen konnte.

Am Ende der Verhandlung wird Henry zu drei Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Mitglieder der Zweiten Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Manfred Schmidt schicken ihn aber zuerst in eine Entziehungsanstalt . Dort, hinter verschlossenen Türen, soll Henry etwa zwei Jahre behandelt werden, um von seinen vielen Drogen loszukommen.

Kein Schulabschluss und hohe Schulden

Immerhin hat er nicht nur mit den bereits genannten Suchtmitteln Bekanntschaft geschlossen. Daneben nahm er auch Ecstasy und LSD, Heroin und Kokain, Speed und Crystal Meth. „Mir standen die Drogen immer im Weg.“

Wegen der Drogen verpasste er einen Schulabschluss, verlor die eine oder andere Arbeitsstelle, seine elf Jahre jüngere Freundin gab ihm den Laufpass, enorme Schulden belasten seine Zukunft.

Die Therapie soll ihm helfen und zugleich seine Mitmenschen vor weiteren Straftaten bewahren. „Das ist Ihre letzte Chance“, betonte Richter Schmidt. „Sie werden nicht jünger.“