„Das war ein Leben am vergangenen Samstag [4.9.] in Forchheim !“, berichtete die Forchheimer Tageszeitung am 6. September 1937. „So viele Gäste auf einmal haben wir in unserer Stadt wohl selten begrüßen können, so viele Politische Leiter der Bewegung des Führers haben wir hier noch nicht beherbergen dürfen.“ Seitdem Adolf Hitler nach seiner Machtübernahme 1933 Nürnberg offiziell zur „ Stadt der Reichsparteitage“ erklärt hatte, bekamen auch Forchheim und sein Umland etwas von dem Trubel mit, den alljährlich im Herbst die NSDAP-Parteigänger verursachten.

Insgesamt zehn Parteitage veranstaltete die NSDAP zwischen 1923 und 1938, wobei acht davon in Nürnberg stattfanden und ab 1933 jeweils unter einem eigenen Titel liefen. So hieß der Reichsparteitag von 1937 z.B. „Parteitag der Arbeit“. Sie fanden jeweils im September statt, waren aber keine Mitgliederversammlungen wie die der heutigen Parteien, sondern dienten – wie es Siegfried Zelnhefer in seinem Text- und Bildband über die Nürnberger Reichsparteitage formuliert – als „bombastische Massenveranstaltungen“ zur „Huldigung des Führers und des neuen Dritten Reichs .

„Politische Leiter“ zu Gast

Schon jeweils im August jedes Jahres setzte die NSDAP in allen ihren 32 Gauen ihre Parteigenossen in Bewegung. Zu Fuß machten sie sich in „Marschstaffeln“ auf den Weg nach Nürnberg. Dabei nahmen manche aus dem Norden Kommende ihren Weg über Forchheim – zu Fuß, mit dem Auto und der Bahn. Von Samstag, 4. September 1937, auf Sonntag beherbergte die Stadt die 2700 „Politischen Leiter“ des NSDAP-Gaues Sachsen – das waren Amtsträger, also die Prominenz der Partei – vom Blockleiter über Ortsgruppen-, Kreis- und Gauleiter bis hin zu den Reichsleitern.

Die Staffel war in Dresden gestartet und in Tagesetappen nach Franken marschiert. Ein Vortrupp mit Proviantwagen und Feldküchen bereitete am Vormittag die Einquartierung vor. Dann marschierten die „braunen Bataillone“ am Nachmittag unter Trommelwirbel und „schmetternder Marschmusik“ von fünf Musikzügen ein – namens der Stadt begrüßt von Bürgermeister Karl Heinrich Strecker und im Namen der Partei von Hans Sterneckert.

Am Rathaus, im Stadtpark und auf dem Paradeplatz gaben die Sachsen drei große Standkonzerte und feierten mit den Einheimischen in den Gaststätten und auf den Kellern „Kameradschaftsabende“. Danach ging’s ab zur Übernachtung in Privat- und in Massenquartieren und am nächsten Tag in aller Frühe weiter in Richtung Nürnberg.

„Ehrliche Bewunderung“ erregte das von den Sachsen mitgeführte Postamt am Rathausplatz, das – wie die Zeitung vermeldete – „bis zum Abmarsch der Gäste durchgehend, auch während der Nacht, geöffnet war“ und sämtliche Postdienste erledigte. Helfer trugen sogar „wandernde Briefkästen durch die Straßen“. Das Auto selbst war mit Funk und Lautsprechern ausgestattet. Hier holten sich – bevor das Marschpostamt am Reichsparteitag stationiert wurde – die Briefmarkensammler den Sonderstempel „Marschstaffel zum Reichsparteitag der NSDAP – Gau Sachsen“.

Während des acht Tage dauernden Reichsparteitages ging es auch am Bahnhof sehr lebhaft zu. Die Reichsbahn beförderte die Teilnehmer auf der „Hauptstrecke Berlin – Halle – Leipzig – Nürnberg“ über Forchheim zu dem Massenspektakel. Die Lokalzeitung berichtete, dass fast täglich 250 Sonderzüge abzufertigen seien. „An einem Tag, an dem die Hauptteilnehmerzahl nach Nürnberg gebracht werden muß, steigt der Verkehr so gewaltig an, daß in einem Zeitraum von zwölf Stunden 100 Züge abgefertigt werden müssen, d.h. also durchschnittlich alle 7 Minuten ein Zug.“ Um das zu bewältigen, seien wochenlange Vorbereitungen notwendig gewesen und Urlaubssperren für das Bahnpersonal verhängt worden.

Hitlerjungen mit Bannfahnen

Zum Ritual der Parteitage gehörte, dass die Hitlerjugend (HJ) wie alle anderen Parteigliederungen auch dem Führer in einem eigenen Appell huldigte und an ihm vorbeimarschierte. Ab 1935 brachen schon Wochen vorher aus ganz Deutschland zig Fahnenabordnungen zum „Adolf-Hitler-Marsch“ auf. Sie zogen in voller Ausrüstung los, das hieß – wie die Forchheimer Tageszeitung 1938 informierte – im „großen HJ-Sommerdienstanzug mit Tornister, Decke, Zeltbahn und Brotbeutel“.

1938 sollen es 45 000 Hitlerjungen gewesen sein, die „ein heiliges Bekenntnis“ ablegten „zu dem Manne, dessen Namen sie mit Stolz tragen“ durften. 400 von ihnen – aus Pommern, Berlin, Niedersachsen, Westfalen und von der Nordsee – übernachteten Ende August in Forchheim . Mit „Kampfliedern“ und „etwa 100 Bannfahnen“ zogen sie in die Stadt ein.

„Diese leuchtenden Banner mit dem deutschen Adler“, schwärmte die Zeitung , „wurden nach der abendlichen Feierstunde am Mittwoch [31.8.] auf dem Rathausplatz unter einer Ehrenwache niedergestellt und boten während der Nacht im Flutlicht der den Platz überstrahlenden Scheinwerfer einen wundervollen Anblick.“ Untergebracht waren die HJler in der Jugendherberge am Streckerplatz und in den beiden Turnhallen.

Zwischen 1935 und 1939 quartierte sich die HJ auf ihrem Weg nach Nürnberg außer in Forchheim auch in Ebermannstadt, Veilbronn, Pretzfeld, Pegnitz, Gräfenberg und anderen Orten der Fränkischen Schweiz ein. So auch 1939, als der 11. Reichsparteitag – sinnigerweise als „Parteitag des Friedens“ ausgelobt – am 2. September beginnen sollte. „Wie gestern kurz berichtet“, teilte die Bayerische Ostmark, in der die Forchheimer Tageszeitung aufgegangen war, am 26. August mit, „kommen sieben Einheiten auf ihrem Marsch nach Forchheim “ – 60 Jungen aus Mittelland, je 60 Jungen aus Mecklenburg, Mittelelbe und Kurhessen, 112 aus Ostland und je 60 aus Nordmark und Niedersachsen.

Am Sonntag, 27. August 1939, erfuhren die ersten beiden Jungengruppen, die aus Halle und aus Mecklenburg kamen, vom Ortsgruppenleiter Georg Conrad (1894-1975), dass der Reichsparteitag abgesagt worden war. Das sei für sie zwar „eine Enttäuschung“, aber „sie wüßten ja, daß dieser Entschluß des Führers notwendig war“.

„… zum Besten der Nation“

Gemeint war, dass Hitler Polen mit einem Angriff drohte. Conrad weiter: „Das ganze deutsche Volk wisse, daß diese schweren Entscheidungen des Führers unbedingt notwendig und zum Besten der Nation sind. Deshalb folgen alle deutschen Menschen dem Führer in unerschütterlicher Treue.“ Von den angekündigten sieben Marscheinheiten brachen nur die beiden aus Nordmark und Ostland ihren Marsch noch vor Forchheim ab.

Am Freitag, 1. September 1939, begann der 2. Weltkrieg, und einen Tag später titelte die „Bayerische Ostmark“ den Forchheimern: „Die Stunde der Entscheidung findet alle Deutschen zum Einsatz bereit“.