1938 glaubten sich die Nationalsozialisten auf der Höhe der Macht. In großen Zeitungsanzeigen stellten sie im April heraus, was ihr Führer alles erreicht hatte. In dicken Lettern war auch in der Lokalzeitung zu lesen: „ Adolf Hitler zerriß Zug um Zug das Diktat von Versailles“: Austritt aus dem Völkerbund , Wiederaufbau der Wehrmacht , „Heimholung“ der Saar, Tilgung der Kriegsschuldlüge und „Heimkehr“ Österreichs ins „Großdeutsche Reich“. Gegen alles Recht hatten deutsche Truppen am 13. März 1938 Österreich besetzt.

Großdeutsches Reich

Einen Monat später ließ das Hitler-Regime in Österreich und Deutschland über den erzwungenen Anschluss abstimmen: „Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden?“ Der Kreis für das Ja auf dem Stimmzettel war drei Mal so groß wie der für das Nein. Dabei wäre die Manipulation gar nicht notwendig gewesen: Die Zustimmung und Verehrung für den „Führer“ waren zu diesem Zeitpunkt riesengroß.

Selbst der Bamberger Erzbischof ordnete an, dass nach der im Rundfunk übertragenen Rede Hitlers aus Wien am Vorabend der Volksabstimmung „gemäß einem Beschlusse der bayerischen Bischöfe in allen Kirchen unserer Diözese die Glocken geläutet werden“ und einstimmen „in das feierliche Geläute der Kirchen Großdeutschlands“. Hitler erhielt rund 99 Prozent Zustimmung – auch in der Region Forchheim .

Begeisterung in Forchheim

Wie groß die Begeisterung in Forchheim war, zeigte sich am Nachmittag des 10. Mai 1938, als Hitler nach seinem medial groß inszenierten Besuch bei Mussolini mit seinem Sonderzug „unter den Klängen des Musikzuges des SA-Standortes“ langsam durch den Bahnhof fuhr und „3000 bis 3500 Volksgenossen“ ihm – wie es in der Forchheimer Tageszeitung hieß – „in dankbarer Liebe und Verehrung“ zujubelten. „Bei Kersbach, an der Grenze der beiden Gaue Bayerische Ostmark und Franken, ließen die Parteistellen ein riesiges, 25 Meter langes Transparent anbringen, das die Aufschrift trug: Der Gau Bayerische Ostmark grüßt den Führer in der Heimat.“

Der Historiker und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , Joachim Fest , meinte noch 1973 in der Einleitung seiner Hitler-Biografie: „Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte, zu nennen.“

Persönliche Freiheit eingeschränkt

Das kann nur sagen, wer ausschließlich nationalistische Großmachtpolitik vor Augen hat und hintanstellt, wie das Regime nach innen die persönliche Freiheit einschränkte. Von Kindesbeinen an über Jugend, Studium, Beruf, Freizeit und Kultur versuchten nationalsozialistische Organisationen, den Menschen zu erfassen und ihn mit ihrer Weltanschauung zu infizieren.

Andere Parteien als die NSDAP waren verboten. Die Gewerkschaften aufgelöst und Zeitungen , Theater und Filmstudios gleichgeschaltet.

Äußerungen am Stammtisch

Selbst am Stammtisch war es gefährlich, Kritik an Hitler und seiner Partei zu äußern. Das zeigen die in den örtlichen Zeitungen veröffentlichten Meldungen über die in Schutzhaft genommenen und mit vollem Namen genannten Personen. Meistens wurden sie beschuldigt, gegen das Regime oder „die Partei“ genörgelt oder gestänkert zu haben.

Um die Gesellschaft noch stärker in den Griff zu bekommen, dehnte das NS-Regime seine Kontrolle und seine Einflussnahme Schritt für Schritt auf die Jugend und die unter Zehnjährigen aus. Ende 1933 wurden die evangelischen Jugendverbände in die Hitler-Jugend (HJ) eingegliedert und Mitte Juni 1934 der Samstag zum sogenannten Staatsjugendtag erklärt. Damit waren Mitglieder von HJ und BDM („Bund deutscher Mädel“) für Dienste in ihren Organisationen vom Unterricht freigestellt. Mit diesem verlockenden Angebot hoffte man, die Jugendlichen für den Nationalsozialismus zu gewinnen.

Doch das Projekt scheiterte schon nach zwei Jahren, weil es an geeignetem Personal fehlte. Ende Mai 1935 berichtete die Polizeistation Ebermannstadt über „Klagen bezüglich des Fehlens einer erwachsenen Aufsichtsperson“. Es habe deswegen „Streitigkeiten und Prügeleien“ gegeben, ein „Unterführer“ habe „schlüpfrige Witze erzählt“, und in einem Fall hätten vier „14- bis 15-jährige Jungen aus Ebermannstadt mit einem 13-jährigen Mädchen“ sogar „sittenwidrigen Geschlechtsverkehr“ gehabt.

Sturz in den Tod

Tragisch verlief ein Geländespiel der HJ am Ostersonntag. Da stürzte ein Junge von einem Felsen bei Gößweinstein zwölf Meter in die Tiefe und verstarb mit einem doppelten Schädelbruch. „Die zuständigen Stellen der Hitlerjugend “, versuchte der „Wiesent-Bote“ zu beruhigen, „nahmen sich tatkräftig um die Angehörigen ihres pflichttreuen Kameraden an“.

Aber der Ruf der HJ war vor Ort schon so ramponiert, dass manche Eltern ihr mit Vorbehalten begegneten. In einem Lagebericht vermerkte die Polizeiinspektion Ebermannstadt im Juli 1936: „Es muß ehrlich ausgesprochen werden, daß man auf den bisher beschrittenen Wegen der Jugendführung unter Ausschaltung der Lehrer wirkliche Erfolge nicht verzeichnen kann.“ Die Jugend sei auf dem Lande „nicht in der Lage, sich selbst zu führen“. Das hätten auch die Ortsgruppenleiter „durchwegs bestätigt“.

Einschränkend muss aber angemerkt werden, dass das nach den Berichten der örtlichen Polizei in den evangelischen Gemeinden anders war. Hier sei der HJ bereits Mitte 1934 – wie zum Beispiel in Aufseß und Muggendorf – die „fast totale Erfassung der Jugend“ gelungen.

Der Samstag wurde als „Staatsjugendtag“ aufgegeben. Stattdessen gab es wieder vier Stunden Unterricht und ein neues Gesetz, nach dem allein die HJ für die Jugendlichen ab dem zehnten Lebensjahr zuständig war. Nach Paragraf 2 sollte die „gesamte deutsche Jugend außer in Elternhaus und Schule in der Hitlerjugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft“ erzogen werden.

Trotz dieser Monopolstellung gelang es der HJ nicht, die Jugendlichen auf dem Land restlos zu erfassen. Nach einem Schreiben des Schulreferats Ebermannstadt waren Mitte 1936 „74,4 Prozent der Schuljugend des Amtsbezirks“ in HJ und BDM erfasst. „Die restlose Erfassung der ganzen Schuljugend gelang nur an zwei Schulen“, wurde der Regierung in Ansbach mitgeteilt.

Bevölkerung „interesselos“

Auch die landesweite Auflösung der katholischen Jugendverbände am 25. Januar 1938 in ganz Bayern änderte daran nichts. Als zum Beispiel die HJ Mitte Oktober 1938 zu einem Elternabend im katholischen Niedermirsberg einlud, erschienen „außer der HJ nur drei Amtswalter der Partei“, berichtete die Ebermannstadter Gendarmerie-Inspektion. Das beweise, meinte sie, dass die Bevölkerung hier und im benachbarten Neuses und Rüssenbach „der nationalen Bewegung nach wie vor interesselos“ gegenüberstehe.

Hier, in den rein katholischen Ortschaften, verweigerte sich die Bevölkerung dem Nationalsozialismus , wenn sie ihre Religion in Gefahr sah. Das bekam das Regime immer dann zu spüren, wenn es offen gegen die katholische Kirche vorging.