Mitte Oktober haben Landtagspräsidentin Ilse Aigner und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck im Münchner Maximilianeum die Ausstellung „Orte der Demokratie “ eröffnet. Eingeladen waren auch Ebermannstadts Bürgermeisterin Christiane Meyer (NLE) und Stadtrat Heinrich Sponsel (WGO), denn der Stadtteil Wohlmuthshüll ist der kleinste der 13 bayerischen „Orte der Demokratie “ in dieser Ausstellung. Mit ihr solle die Demokratie gefeiert und sichtbar gemacht werden, erklärt Meyer und zitiert Ilse Aigner : „Ein großer Feind – vielleicht der größte Feind der Demokratie ist die Gleichgültigkeit, das Gewährenlassen der Radikalen.“ Die Ausstellung gastiert bis 19. November im Maximilianeum und wird dann in den anderen Orten zu sehen sein.

„Ja, da ist man schon stolz. Das ist schon toll für so einen kleinen Ort“, äußert Sponsel. Doch wie kam es, dass Wohlmuthshüll zu einem „Ort der Demokratie “ wurde? Andere Orte sind zum Beispiel der Spiegelsaal in Bamberg, in dem 1919 die erste demokratische Verfassung des Freistaates verabschiedet wurde. Oder Nürnberg, hier wurde 1919 der „Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund“ gegründet.

Die Bürgermeisterin erzählt, dass der kleine Ort bis 1972 eine selbstständige Gemeinde mit Bürgermeister und Gemeinderat gewesen sei. „1942 starb der damalige Bürgermeister , ein Nationalsozialist und Mitglied der NSDAP . Kein anderer Ortsbürger war Mitglied der NSDAP “, berichtet Meyer. Deshalb honorierte die amerikanische Besatzungsmacht das Verhalten der Bürger und erlaubte, dass bereits zwei Monate nach der Kapitulation Deutschlands in Wohlmuthshüll ein Bürgermeister und ein Gemeinderat gewählt werden durften.

Das geschah am 18. Juli 1945. Im restlichen Deutschland wurden zwischen Januar und Juni 1946 erst auf Gemeinde-, dann auf Stadt- und Landkreisebene und schließlich auf Landesebene Wahlen abgehalten. In Wohlmuthshüll jedoch organisierte bereits im Juli 1945 der von den amerikanischen Besatzungskräften bestellte kommissarische Landrat Georg Mandt in einer abendlichen Versammlung im Gasthaus Brütting eine Wahl. Üblich war damals, dass US-Offiziere Bürgermeister kommissarisch einsetzten, die sie aufgrund von Nachfragen bei Geistlichen und NS-Gegnern ausgesucht hatten.

Die Organisatoren der Ausstellung fanden heraus, dass zur Versammlung im Gasthaus nur Männer des Ortes gekommen waren, die mindestens 21 Jahre alt waren. Im Beisein des Landrates schrieb wohl jeder den Namen seines Kandidaten auf einen Zettel. Die meisten Stimmen erhielt Johann Sponsel. Mancher Historiker sieht das Vorgehen nicht als demokratische Wahl an. Doch die Aussteller schreiben, dass am 18. Juli 2005 der frühere US-Generalkonsul Matthew Rooney und der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein diese Wahl als „einen Beitrag zur Erneuerung von Demokratie und Gesellschaft in Bayern“ bezeichneten.

„Johann Sponsel war der Bruder meines Opas“, verrät Stadtrat Heinrich Sponsel. Er hatte Johann Sponsel allerdings nicht gut gekannt, denn als er 15 Jahre alt war, war dieser verstorben. „Man hat früher auch gar nicht so über die Geschehnisse geredet. Das kam erst Jahrzehnte später“, sagt der Stadtrat. Johann Sponsels Sohn Josef ist 80 Jahre alt, lebt in Wohlmuthshüll und war zwölf Jahre lang Ortsvorsteher. Der zweite Sohn Alfons verstarb vor ein paar Tagen mit 86 Jahren.

Josef Sponsel kann sich noch an die amerikanischen Panzer erinnern, die auf der Wiese standen, aber nicht an die Wahl: „Da war ich erst vier Jahre alt.“ Josef Sponsel war stolz auf seinen Vater, der Landwirt war und sich für die Gemeinschaft engagierte. Er erzählt, dass 1946 die „normalen“ Wahlen waren. Hier trat ein Onkel gegen seinen Vater an. Die beiden bekamen gleich viele Stimmen. „Mein Vater hat zugunsten von Onkel Franz verzichtet und wurde zwei Jahre später dann wieder zum Bürgermeister gewählt. Das blieb er bis 1972“, berichtet Josef Sponsel.

„Das sind bescheidene Menschen“

Christiane Meyer ist ebenfalls vom Miteinander in Wohlmuthshüll angetan. „Das sind bescheidene Menschen, die gute Taten nicht an die große Glocke hängen.“ Sie erinnert auch an Kaplan Gabriel Deinhardt aus dem Ort, der 1938 als Sanitätsgefreiter zur Wehrmacht eingezogen wurde. Am 10. November wurde sein Schiff auf dem Weg von Athen nach Kreta von einem U-Boot torpediert und versenkt. Deinhardt konnte eine Rettungsweste ergattern. Diese gab er aber einem Kameraden, der nicht schwimmen konnte und vier Kinder hatte. Kaplan Deinhardt ertrank.

Meyer ist stolz auf diesen „Ort der Demokratie “ und meint: „Um Demokratie müssen wir ringen, uns bewusst machen, dass wir alle unseren Beitrag leisten müssen.“