Sechs Millionen Ermordete, eine unvorstellbare Zahl. Selbst die 1500 Toten, die es allein in der Reichspogromnacht gab, bleiben abstrakt. Ihnen einen Namen und ein Gesicht zu geben, war die Aufgabe des Gedenkens und Gebets am Abend des 9. Novembers in der Synagoge zu Ermreuth .

17 Mitbürger jüdischen Glaubens zählte 1938 der Ort. Die jüngste war die achtjährige Bella Wassermann. Von ihr sind zwei Fotos erhalten. Das von ihrer Schulklasse aus dem Jahr 1936/37 und eines, dass das Mädchen mit einer Freundin zeigt. Sie mag einigen Bewohnern noch in persönlicher Erinnerung sein. Dafür spricht die weiße Rose, die Synagogen-Kuratorin Rajaa Nadler an der Eingangstür fand.

Die Gestaltung der Gedenkstunde hatten Winfried Gerum, Martin Kühn und Franz Renker vom Freundeskreis der Synagoge sowie Andrea Gergovich von der Bamberger liberalen jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila in Vertretung für die erkrankte Rabbinerin Yael Deusel übernommen. Nadler hatte Fotos der letzten Ermreuther Juden – soweit noch existent - um die Bima gestellt: die Familie Hönlein, die beiden Weltkriegsteilnehmer Hugo und Wilhelm Wassermann ...

Die Ermreuther schienen noch gut davon gekommen zu sein, wurde doch ihre „Schul“ nicht wie 1400 andere Synagogen abgefackelt. Doch schon wenige Monate später griff der Naziterror auch auf den eher abgelegenen Ort über. Ein jüdisches Ehepaar konnte Anfang 1939 noch emigrieren. Die 15 anderen mussten das Dorf verlassen; sie wurden nach Nürnberg gebracht, in sogenannte Ghetto-Häuser, Wohnungen von Juden , in die auch die Ermreuther zwangseinquartiert wurden.

Die Synagoge war ihrer Gemeinde beraubt. Sie war still geworden, viel zu lange, wie Gerum erinnerte.

„Sie wurden mit Lastwagen abtransportiert; die Alten hat man einfach hinaufgeworfen“, zitiert Rolf Kießling in seiner Broschüre über die Schicksale der Ermreuther Juden . Ob ihnen die Psalmen 124, 125 und 129 in den Sinn gekommen waren? „Unsere Hilfe kommt im Namen des Herrn“, dichtete der Psalmist im „Lied, zu singen auf dem Weg nach Jerusalem“, wie Kühn vortrug.

Trotz allem – und auch trotz aller Zweifel am Walten oder gar der Existenz Gottes – „Seine Güte ist immer und ewig“, leitete Gergovich zum Gebet für die Toten über. Und: „Sechs Millionen Tote, als der Wahnsinn die Welt regierte (...). Wir trauern, denn die Welt ist ärmer geworden.“

Das Gedenken galt aber auch den nicht-jüdischen Menschen, die nicht wegschauten, und den Überlebenden, die „wieder ins Leben zurückfinden mussten. Gergovich trug anschließend das Kaddisch vor, bekannt als Totengebet ist es inhaltlich ein Lobpreis Gottes und eine Bitte um Frieden. Die Stunde endete mit der Fürbitte für alle Toten: „Binde ihre Seele in den Bund des Lebens ein.“