Die Geschichte Bayerns hat seit kurzem Platz in einem neuen Haus. In Regensburg stellt das Museum für Geschichte die Zeit seit Beginn des 19. Jahrhunderts dar. Am Ende des Rundgangs findet der Besucher ein großes Tuch, das aus verschiedenen Farben und Stoffen besteht. Es ist ein besonderes Exponat und erzählt die Geschichte einer Flucht aus der damaligen DDR nach Bayern - in den Westen. Die große Stoffbahn gehört zu einem Heißluftballon, mit dem zwei Familien geflüchtet waren.

Einer dieser mutigen Flüchtlinge, Günter Wetzel, schilderte beim Männerabend im voll besetzten CVJM-Haus in Rentweinsdorf seine Geschichte. Die spektakuläre Ballonflucht jährte sich vor wenigen Tagen zum 40. Mal.

Zu Beginn seines Vortrages beschrieb Wetzel das Leben in den 50er und 60er Jahren in der DDR. Geprägt durch Misswirtschaft und Entbehrungen, Beobachtungen und Einschränkungen entwickelte sich in den Jahren nach 1970 der Wunsch, diesen Teil Deutschlands zu verlassen, wie er schilderte.

Der Referent berichtete, dass ihm aufgrund der Flucht seines Vaters in den Westen ein Studium verwehrt geblieben sei. Er sagte, dass es ihnen auf dem Land gut gegangen sei und sie alles gehabt hätten, was zum Leben notwendig war. Aber: So wie bei vielen DDR-Bürgern hatte auch er das Bestreben, die DDR zu verlassen. Das war häufig das Thema, über das er mit seinem Freund Peter Strelzyk sprach.

Anregung aus Zeitschrift

Er berichtete, dass er durch einen Besuch aus dem Westen in den Besitz einer Zeitschrift kam, in der über ein Ballonfahrertreffen in Albuquerque berichtet wurde. Neben dem Bericht waren Bilder von Heißluftballons zu sehen. Dabei ist die Idee gewachsen, dass dies eine Möglichkeit wäre, die Grenzanlagen zu überwinden.

So fanden bereits eineinhalb Jahre vor der eigentlichen Flucht erste Versuche mit einem selbst hergestellten Ballon statt. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass der erste Ballon nicht taugte, wurde er vernichtet. Dann wurde ein zweiter Ballon genäht.

Wetzel berichtete, dass er mit seiner Familie wegen einiger Umstände von dem Projekt ausgestiegen ist und nur die Familie Strelzyk die Flucht anging. Diese scheiterte aber im Grenzgebiet; dennoch gelang es Familie Strelzyk, unentdeckt zu bleiben. Der Ballon wurde jedoch gefunden und so ermittelte die DDR-Staatssicherheit akribisch.

Zwischenzeitlich hatten sich die Familien Strelzyk und Wetzel wieder zusammengetan und planten einen weiteren Fluchtversuch mit einem dritten Ballon. Die Berechnungen von Günter Wetzel ergaben, dass der Ballon größer sein musste als die bisherigen. Für ein Volumen von 4200 Kubikmetern musste Stoff für eine Fläche von 1300 Quadratmetern herbeigeschafft werden. Die Familien grasten dafür Geschäfte in der gesamten DDR ab. Trotz der Angst, entdeckt und verfolgt zu werden, machten sie weiter. So wurde in einer Zeit von sieben Wochen der Ballon genäht und die Gondel zusammengeschweißt.

Am 15. September 1979 war es so weit: Der Ballon war endlich fertig. Aber, so der Referent, "wir konnten ihn nicht mehr testen." Da indes die Gelegenheit günstig erschien und sie vielleicht keine weitere Chancen bekommen würden, wurde auf einen Versuch verzichtet.

Ohne lange nachzudenken und ohne Unsicherheiten abzuwägen, stiegen die acht Personen nach Mitternacht in die Gondel. 28 Minuten nach dem Start hatten die beiden Familien den Westen in der Nähe von Naila erreicht. Wetzel berichtete, dass nur er bei der harten Landung leicht verletzt wurde, alle anderen waren wohlauf.

Der Referent fügte an, dass er nach der Wiedervereinigung sowie der Einsicht in seine über 2000 Seiten umfassende Stasi-Akte erfuhr, dass es höchstens noch sechs Tage gedauert hätte, bis sie von der Staatssicherheit aufgegriffen worden wären. red