Kronach — Luther lebt! Einen wunderbaren Beitrag zum laufenden Jubiläumsjahr lieferte das Orgelkonzert am Sonntag in der Christuskirche zu Kronach. Dekanatskantor Marius Popp und Sabine Steinmetz, Kirchenmusikerin an der Stuttgarter Pauluskirche, nahmen gemeinsam auf der Orgelbank auf der Empore Platz. Mit großem spielerischen Können ließen sie in bester Harmonie herrliche Werke von Enjott Schneider, Jean Langlais, Naji Hakim, Josef Haydn sowie Wolfgang Amadeus Mozart erklingen.
Scheinbar mühelos schienen dabei die zwanzig Finger und die vier Füße nur so über die schwarz-weiße Klaviatur beziehungsweise Pedale hinwegzugleiten - zur großen Begeisterung der erfreulich vielen Musikliebhaber, die - im Rhythmus der prächtigen Orgelmusik sich wiegend - auf der Orgelempore wie gebannt den ungewohnten Anblick verfolgten.


Höchstmaß an Konzentration

Was so einfach aussieht, erfordert - so Marius Popp - ein Höchstmaß an Konzentration. Dabei sei es manchmal durchaus schwierig, sich nicht gegenseitig ins Gehege zu kommen. "Aber wir haben fleißig geübt", verriet er. Seine Schwägerin Sabine Steinmetz schloss sich dem an. Leider seien nicht sehr viele Stücke für die Königin der Instrumente komponiert worden, die den gleichzeitigen Einsatz von vier Händen und vier Füßen verlangen.


Variantenreiche Luther-Choräle

Im Mittelpunkt des außergewöhnlichen Konzerts stand die Begegnung mit Luther in der Musik mit dem zeitgenössischen Werk "LutherMania - Mit Luther durch das Kirchenjahr" von Enjott Schneider (geb. 1950), Professor an der Hochschule für Musik in München. Der in Weil am Rhein geborene Komponist, Musikwissenschaftler und Hochschullehrer steuerte unter anderem für so bekannte Filme wie "Herbstmilch", "Stalingrad" oder "Bibi Blocksberg" die Musik bei. Daneben zeichnet er auch für eine Reihe Orchester-, Orgel- sowie Chorwerke verantwortlich.


Leitmotiv "Eine feste Burg"

Zentral beim furiosen Reigen bekannter, ineinander verschlungener Choralmelodien war das Leitmotiv "Ein feste Burg". Als kraftvoller Themenkopf ritornellartig präsent, erfährt es kurz vor Ende eine zarte lyrische Ausgestaltung. Besonders beeindruckend war auch das variantenreiche "Vom Himmel hoch, da komm ich her" wie auch eine Choralbearbeitung von "Verleih uns Frieden gnädiglich" als ruhiger Mittelteil.


BR sendet

Das virtuose "Luther-Mosaik" für Orgel mit zwei Spielern feierte am 30. September 2012 in der Christuskirche - mit Carlo Benatti aus Mantua und Marius Popp - seine Uraufführung. Ebenfalls an dem Tag erfolgte die erste Einspielung für den Bayerischen Rundfunk. Die zweite Einspielung vom Dekanatskantor mit Sabine Steinmetz war am 19. März 2017. Der Mitschnitt wird am Freitag, 20. Oktober 2017 um 22 Uhr auf BR 4 Klassik gesendet.
Welche Orgelklangpracht vier Hände und vier Füße erzeugen können, zeigte auch das zweite Hauptwerk: "Die Apostel" - nach Holzschnitten von Lucas Cranach, dem Älteren.
Wie bereits "LutherMania" von Enjott Schneider war auch "Die Apostel" von dessen Tonschöpfer Naji Hakim (geb. 1955) dem Dekanatskantor gewidmet worden. Die Uraufführung dieser Auftragskomposition der evangelischen Kirchengemeinde Kronach war am 25. November 2011 an gleicher Stelle anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Christuskirche. Damals gab sich der vielfach preisgekrönte Pariser Komponist, Organist und Pianist libanesischer Herkunft höchstpersönlich die Ehre und spielte mit dem Widmungsträger die Meditation über die Einblattholzschnitte Cranachs für den BR ein.
Am Sonntag kam nun das für zwei Organisten an einer Orgel konzipierte Werk erneut zum Klingen, was wiederum aufs Glücklichste gelang - ein Tongemälde von faszinierender Schönheit, dem die Zuschauer teils ungläubig staunend angesichts des entfachten Klangfeuerwerks lauschten. Auf einer Leinwand konnten dazu die entsprechenden beeindruckenden Holzschnitte betrachtet werden.


Applaus wollte nicht enden

Wunderbar ergänzt wurde das Programm mit Sätzen aus Josef Haydns (1732 - 1809) Partita F-Dur, Wolfgang Amadeus Mozarts (1756 - 1791) Fantasie F-Moll sowie der "Double Fantaisie" von Jean Langlais (1907 - 1991). Mit dieser schloss sich gewissermaßen der Kreis; handelt es sich doch bei Naji Hakim um den letzten Meisterschüler von Jean Langlais.
Am Ende konnten die Zuhörer - darunter auch Dekanin Dorothea Richter, Pfarrer Martin Gundermann sowie Landrat Klaus Löffler als Schirmherr des Internationalen Orgelzyklus - nicht genug vom pompösen Klang in den schallenden Kirchengemäuern bekommen. Als Dank für den nicht enden wollenden Applaus entführten die beiden virtuosen Konzertorganisten ihr Publikum als Zugabe in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.