Gertrud Glössner-Möschk

Ist es nur ein "ehrenwertes Haus" mit lauter spießigen Bewohnern, wie Udo Jürgens es besungen hat, oder doch ein Horrorhaus, in dem das (Zusammen)Leben mit Frau Elfriede W. (Name von der Redaktion geändert) eine Zumutung ist? Amtsrichter Peter Neller war vor diese Frage gestellt, als er über eine Klage der Joseph-Stiftung, dem kirchlichen Wohnungsunternehmen des Erzbistums, zu befinden hatte.


Mediationsverfahren

Die Stiftung hatte eine Räumungsklage gegen die Mieterin angestrengt, die seit mehr als 20 Jahren in einem ihrer Mehrparteienhäuser am Babenbergerring wohnt. Vorausgeschickt sei: Die Vermieterin hat zuvor nichts unversucht gelassen, um den Frieden im Haus wiederherzustellen. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass sich Frau W. eine andere Wohnung suchen muss. Zu diesem Zweck war sogar ein Mediationsverfahren durchgeführt worden. Richter Neller zollte seine Anerkennung: Ein solches Entgegenkommen habe er noch nicht erlebt.


Lebensstil treu geblieben

Genutzt hat es trotzdem nichts. Frau Elfriede W. blieb ihrem Lebensstil treu, den sie seit zwei Jahren pflegt, seitdem ihr neuer Lebensgefährte mit in die Wohnung gezogen ist. Und dieser "Stil" hat es in sich.
Ohne Rücksicht auf die Nachtruhe der Nachbarn wurde bei Renovierungsarbeiten noch weit nach Mitternacht gebohrt, gehämmert, Tapete abgekratzt. Es wurde leider auch nicht still, als die Sanierung zu Ende war. Dann wurden in W.s Wohnung eben der Fernseher oder die Musikanlage laut gedreht; es wurde herumgebrüllt und geschrien - vermutlich unter Alkoholeinfluss. Manchmal stritt sich das Paar so laut, dass die Nachbarn Schlimmstes befürchteten. Zu klopfen traute sich niemand: Vor dem Lebensgefährten hatten alle Angst.
Es gab auch Tage, da schien das Paar versöhnt zu sein. Leiser wurde es trotzdem nicht, denn dann drangen laute Sex-Geräusche durch die Wände - ein Umstand, der die Mitbewohner besonders verärgert. "Man kann ja niemanden einladen. Man muss sich schämen", sagte eine Zeugin.
Ärger gab es zudem, weil Frau W. häufiger als erlaubt auf ihrem Balkon grillte - wo sie sich mit ihrem Freund und einem weiteren Mann bisweilen "voll nackt" zeigte. Und schließlich entbrannte ein heftiger Streit um ihre Katzen. Besonders eine "wohnt" direkt im Treppenhaus, wie ein Nachbar formulierte. Dort kotet und uriniert sie fast regelmäßig auf die Fußabstreifer vor den Wohnungen.
Diese von Frau W. verursachten Zustände veranlassten die Hausgemeinschaft, sich Hilfe suchend an die Joseph-Stiftung zu wenden. Einer der Briefe war von sämtlichen Mietern des Hauses unterschrieben worden.


"Einfach respektlos"

Richter Peter Neller hatte sie alle zur Verhandlung als Zeugen geladen. "Diese Frau macht was sie will, sie ist einfach respektlos", sagte eine Nachbarin. Eine andere Zeugin brachte Fotos mit, auf denen zu sehen war, wie ihr Balkon durch die Katzen von Frau W. und das Blumengießen verschmutzt sind.
Sie hat auch einmal einen "dumpfen Schlag gehört" und danach festgestellt, dass Frau W. ganz blau im Gesicht war. Vom Zeugenstuhl aus wandte sie sich direkt an W. und gab ihr einen guten Rat: "Sie müssen weg von diesem Mann."
Nur einige wenige aus der Gruppe der Zeugen wollten Elfriede W. als ruhige Mieterin kennen. Einer sagte: "Ehrlich gesagt, Frau W. stört mich nicht."
Unterschrieben hatten den Brief an die Stiftung aber auch jene Nachbarn, die im Gerichtssaal die Belästigungen leugneten. Weshalb sie nun etwas ganz anderes erzählen, wollte Richter Neller wissen. Man sei eben abgelenkt gewesen und habe gar nicht gewusst, was einem da zur Unterschrift vorgelegt worden sei, lauteten die Antworten sinngemäß.
Rechtsanwalt Oliver Leuteritz, der die Joseph-Stiftung vertritt, machte deutlich: Es reiche schon, wenn sich einige Mieter in dem Haus belästigt fühlten. "Es müssen nicht alle sein." Für die beklagte Elfriede W. gehe es zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr darum, ob sie das Haus verlassen muss, sondern nur noch darum, wann. "Wenn es heute ein Urteil gibt, bedeutet das, dass Sie auf jeden Fall noch in diesem Jahr ausziehen müssen."


Großzügiges Angebot

Richter Neller hatte Elfriede W. ebenfalls dringend ans Herz gelegt, den Vergleichsvorschlag zu akzeptieren, allein deswegen, weil eine Räumungsklage einem potenziellen Vermieter vorgelegt werden müsse und damit ihre Chancen auf eine Wohnung drastisch sinken würden. Die Joseph-Stiftung hatte W. angeboten, sie bis Ende Mai 2017 nicht zu räumen. Auf einen darüber hinausgehenden Räumungsschutz muss sie aber verzichten. Das sei ein sehr großzügiges Angebot, fand Neller.
Doch Elfriede W., die mit trotzig vorgeschobener Unterlippe die über drei Stunden dauernde Verhandlung verfolgt hatte, wollte sich nur in eine Richtung entscheiden: "Ich will meine Wohnung behalten."


Noch Abfindung verlangt

Dass das nicht geht, war der redseligen Dame auch von ihrer Anwältin Svetlana Kuhn nicht beizubringen. Nach langem Hin und Her und dem Verstreichen mehrerer "Ultimaten" willigte sie doch in den Vergleichsvorschlag ein, aber nicht, ohne noch den Versuch zu unternehmen, 20 000 Euro "Abfindung" herauszuschlagen.
Richter Neller und Anwalt Leuteritz waren für einen Moment sprachlos. Dann machten sie ihr klar, dass sie sich diese Flausen aus dem Kopf schlagen kann.