von unserer Mitarbeiterin 
Franziska Klemenz

Bamberg — Fröhliches Geplauder schallt durch den Raum, Tannengirlanden und Nikolausmotive kündigen an, dass bald Weihnachten ist. Über die Tische ist eine großzügige Auswahl an Gebäck verteilt, Kerzenschein vervollständigt die lauschige Atmosphäre. So normal geht es auf der Weihnachtsfeier des Uferlos-Vereins zu. Keine Provokation, kein Fetisch.
Hier in der Willy-Lessing-Straße dürfen die Bamberger Schwulen und Lesben sich zu ihrer Gleichgeschlechtlichkeit bekennen, ohne mit unangenehmen Konsequenzen rechnen zu müssen. Das können sie noch immer nicht überall, wie Vorsitzender Martin Claß weiß.

Viele bleiben ungeoutet

Er gehört zu den wenigen Vereinsmitgliedern, die sich vollständig geoutet haben. Als Claß zum Foto für die Zeitung aufruft, kehrt Unruhe ein. "Wer nicht auf dem Bild erscheinen möchte, geht jetzt bitte in die andere Ecke", sagt er. Stühle rutschen über den Boden, die gemütliche Runde zerstreut sich. Es wirkt, als würde hier "Reise nach Jerusalem" gespielt. Und das, obwohl es sich hier doch um etwas Selbstverständliches handeln sollte.
Viele jedoch scheuen das Gespräch mit ihren Kollegen oder der Familie. Davon berichtet auch David (Name von der Redaktion abgeändert), Anfang 30. Er zieht es vor, anonym zu bleiben. Zu groß die Gefahr, dass seine Familie Wind von dem Artikel bekommen könnte. "Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, es zu verheimlichen", erklärt er. "Auf Familienfeiern wird es schon oft etwas unangenehm, wenn ich mal wieder danach gefragt werde, warum Frau und Kinder denn so lange auf sich warten lassen." Er traut sich nicht, seiner Familie davon zu erzählen, dass er schwul ist. "Meine Eltern wissen mittlerweile im Grunde, was Sache ist. Aber sie würden mich niemals darauf ansprechen, schweigen die Sache lieber tot."
Ein paar andere Männer aus dem Verein haben gar keinen Kontakt mehr zu ihren Familien. Ihre Eltern brachen den Kontakt nach dem Outing ab. Gerade auf dem Land ist es noch immer besonders schwer für Homosexuelle, viele flüchten sich in die Anonymität der Großstädte. "Was die öffentliche Meinung und das Verhalten der meisten Politiker anbelangt, beweist Bamberg Großstadtcharakter", sagt Claß. "Die individuelle Meinung jedoch lässt noch immer stark zu wünschen übrig."
Der 42-Jährige hat den Vereinsvorsitz vor gut drei Jahren übernommen. Mit der Entwicklung des Vereins ist er sehr zufrieden - innerhalb dieses Jahres wuchs die Anzahl der Mitglieder von 63 auf 84 Schwule, Lesben und Co. an. Während vergleichbare Vereine in Coburg und Bayreuth sich auflösten, hält Uferlos sich nun schon seit 35 Jahren. Abgesehen von der Weihnachtsfeier hat Claß auch unter dem Jahr viel zu organisieren. Neben sieben jährlichen Partyveran-staltungen und dem Bamberger Faschingsumzug gibt es auch noch unterschiedliche Stammtische und Ausflüge zu planen. Dann gehen die Mitglieder gemeinsam wandern, spielen Minigolf, basteln oder veranstalten Spieleabende. Zudem würde Claß auch gerne in den Schulen aktiver werden, um gegen Homophobie zu kämpfen und aufzuklären. Gerade in der jüngeren Generation werde Homophobie wieder ein Thema, Mobbingfälle häuften sich.
Doch nicht nur das bereitet den Mitgliedern von Uferlos Sorgen. Auch befürchten sie, dass sich die aktuelle Flüchtlingsdebatte auf sie verlagern könnte. "Gegen wen es geht, ist im Prinzip egal. Aber gerade wenden sich ganze Massen gegen eine Minderheit, die nichts verbrochen hat. Ähnliches könnte auch uns mal wieder erwarten, wenn diese Sorgen erregende Entwicklung so weiter verläuft wie in den letzten Monaten", erklärt David.

Im heimeligen Nest geborgen

Doch für heute Abend vergessen die Mitglieder des Uferlos-Vereins diese Sorgen. Nach der gemütlichen Runde mit Glühwein und Lebkuchen schlendern sie über den Weihnachtsmarkt. Hinterher folgt das feierliche Festmahl, und auch eine kleine Bescherung soll es geben.