Christoph Böger Sechs Angeklagte - jeder hat seinen eigenen Verteidiger. Vier sitzen auf der linken Seite im Sitzungssaal H vor der Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts Coburg, zwei rechts gegenüber. Einer trägt Fußfesseln. Vorne in der Mitte Vorsitzender Richter Christoph Gillot, der mit seinen Beisitzern Licht ins Dunkel bringen muss.

Was genau geschah am Goldbergsee am späten Nachmittag des 1. Mai 2019? Wer trat wie oft auf einen am Boden liegenden jungen Mann? Wer traf ihn dabei von hinten und von oben mit den Füßen am Kopf? Wer warf mit Bierflaschen? Warum zückt ein Mann hinter dem Rücken eines Kumpels ein Messer? Und welche Rolle spielt ein "unbekannter Russe", der inzwischen nicht mehr lebt?

Vier Angeklagte sagen aus

Fragen über Fragen. Antworten gab es am Montagvormittag darauf einige, obwohl die drei Richter ihren Gegenübern oft jedes einzelne Wort förmlich aus der Nase ziehen mussten. Immerhin vier der sechs Angeklagten sagten zur Sache aus. Auf Geständnisse warteten die Richter, der Staatsanwalt, die Schöffen, die Nebenklägerin, Vertreter des Jugendamtes und rund ein gutes Dutzend Zuhörer allerdings vergeblich.

Im Gegenteil: Jeder war vorbereitet, wusste genau, was er sagen will und was nicht. Alle Angeklagten zeigten sich dabei durchaus selbstbewusst, nur ab und zu selbstkritisch. Bei entscheidenden Nachfragen der Richter wichen sie allerdings aus und zeigten sich wortkarg.

"Das ist doch Blödsinn"!

An dieser Haltung änderte sich auch trotz deutlicher Worte von Richter Gillot wenig: "Das ist doch Blödsinn! Sie sind nicht zum Schlichten zurückgekommen, sondern um zu schlagen! Es sieht echt kacke für Sie aus. Machen Sie reinen Tisch, wenn Sie hier etwas erreichen wollen", forderte er den Hauptangeklagten auf.

Dieser hatte sich zuvor in lapidaren Aussagen verstrickt: "Ich habe getreten, ohne zu wissen wohin. Ich denke, es war gegen den Rücken." Wie denn so etwas funktionieren soll? Ob er beim Hintreten in den Himmel geschaut hätte, wollte der anfangs noch einfühlsame, stets souveräne, aber im Laufe der Zeit aufgrund der wenig kooperativen Art der Angeklagten verärgert wirkende Richter wissen.

Zumindest mit einem Teilerfolg: "Es war eine schlechte Aktion, die wir da gemacht haben. Aber wir können es nicht mehr ändern", so der Beschuldigte in einem eher leiseren Ton. Dem Richter wäre nach eigenen Worten "ein echtes, reuiges Geständnis" mehr wert gewesen.

Mit Messer bewaffnet

Deutlich wurde immer wieder, dass sich die Angeklagten anscheinend des Ernsts ihrer Situation auch knapp eineinhalb Jahre nach der Tat am Goldbergsee immer noch nicht bewusst sind. Einer von ihnen ist sich absolut sicher, dass keiner seiner Freunde mit seinem Messer damals zugestochen hätte.

Der Angeklagte hatte die Stichwaffe von zu Hause mitgebracht und nach eigenen Angaben dann einem seiner Kumpel während der Rauferei heimlich hinter dem Rücken zugesteckt. "Was wollten Sie denn mit dem Messer machen? Äpfel essen?", fragte der Richter süffisant. "Nein, das nicht. Ich hatte aber auch nicht vor, jemanden abzuschlachten. Das Messer war nur zur Abschreckung gedacht."

Schließlich könne man sich auf die Polizei heutzutage eh nicht verlassen - so die feste Überzeugung des 22-Jährigen, der sich nach eigenen Worten am Tag des Geschehens auch nicht dafür interessiert hat, wie es dazu kam, dass das Opfer verletzt am Boden lag.

Steckte der Richter all diese Aussagen noch kommentarlos weg, platzte ihm nach zwei Stunden und 47 Minuten der Kragen: "Für wie blöd haltet ihr mich? Wir sind hier vor dem Strafgericht. Hier geht es um Knast!" Schon zuvor hatte Gillot mehrere Sprachnachrichten und SMS, die sich die Angeklagten untereinander am 1. Mai zuschickten, zitiert. Damit widerlegte er gestrige Schilderungen der Angeklagten zum Tatvorgang. Außerdem gibt es DNA-Spuren an den Schuhen von mindestens zwei Beschuldigten. Einer der beiden kann sich dies nicht erklären: "Vielleicht hat er mich am Fuß gestreift..."

Der unbekannte Russe

Zu all diesen Ungereimtheiten kommt in diesem Fall ein "unbekannter Russe", wie Richter Gillot einen weiteren möglichen Täter gestern bezeichnete. Dabei handelt es sich möglicherweise um einen Mittäter, der einen ausländischen Akzent sprach. Auch er ist damals vom Goldbergsee geflüchtet, jedoch im Gegensatz zu den anderen sechs Angeklagten konnte er nicht gefasst werden. Ob und wie er an der Schlägerei und vor allem an den Tritten gegen den Kopf des Opfers beteiligt war, kann im weiteren Verlauf des Prozesses allerdings nur schwer geklärt werden. Grund: "Bodo", so sein Spitzname, ist inzwischen verstorben. Er wurde nach Informationen einer Verteidigerin vermutlich nach einem Zuckerschock Anfang dieses Jahres tot aufgefunden. Nach der Tat am Goldbergsee hatte keiner der Befragten nach eigenen Angaben noch intensiven Kontakt mit dem damaligen Freund.

Fortsetzung am 22. September

Der Prozess gegen die sechs Goldbergsee-Täter wird am Dienstag, 22. September, ab 9 Uhr fortgesetzt. Dann sollen auch Zeugen und Sachverständige zu Wort kommen.