Krieg, Flucht, Vertreibung: Seit 2015 suchen immer mehr Menschen Zuflucht in europäischen Asylunterkünften. Auch in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg hoffen viele Betroffene auf einen Neubeginn in Deutschland. Diesem Thema und speziell dem Verschwinden von minderjährigen Flüchtlingen in den Datenmengen hat sich die Bamberger Autorin Friederike Schmöe angenommen. In ihrem neuesten Kriminalroman "Falsche Versprechen" versucht die Protagonistin Kea Laverde, das Schicksal zweier verschwundener Kinder im Großraum München aufzudecken. Doch wie viel Wahrheit steckt in der Literatur in Zeiten von Flucht und Vertreibung? Friederike Schmöe gibt Auskunft:

Frau Schmöe, Ihre berufliche Laufbahn begann als Dozentin und Linguistin, unter anderem an der Universität Bamberg. Heute sind Sie auch als Schriftstellerin der Belletristik bekannt. Ein eher ungewöhnlicher Werdegang?
Friederike Schmöe: Ich glaube, die wenigsten beginnen als Schriftsteller. Es ist ja so eine typische Geschichte, dass Leute aus Interesse oder weil sie einfach selbst literaturaffin sind, zum Schreiben kommen. Das ist ja auch das Interessante, weil man dadurch Lebenserfahrung mitbringen kann. Es ist ja kein Lehrberuf.

Warum entschlossen Sie sich für das Autorendasein und was begeistert Sie am Schreiben von Büchern?
Ich bin immer noch Privatdozentin an der Uni in Bamberg. Ich habe immer schon gerne gelesen, schon als Kind war ich eine totale Leseratte. Ich bin immer noch lesebegeistert, es geht gar nicht, dass ich mal nichts zu lesen habe. Deshalb war das eigentlich eine natürliche Entwicklung. Man mag Geschichten und versetzt sich gerne in sie hinein. Damit ist der erste Schritt schon getan.

Im "Gmeiner Verlag" sind bereits mehrere Kriminalromanreihen von Ihnen erschienen. Ist dieses Genre ihr Favorit?
Ich lese selbst am liebsten Krimis, auch Politik und Science-Fiction-Thriller. Ich mag auch gerne die aus Skandinavien, weil die Landschaft da zur Handlung dazugehört wie ein Mitspieler. Und so war's eigentlich natürlich, dass ich, wenn ich selbst etwas schreibe, dann Krimis schreibe.

Sie haben sich auch auf regionale Krimis spezialisiert. Die von Ihnen geschaffene Figur Katinka Palfi geht in Bamberg Verbrechern auf die Spur, Kea Laverde ermittelt im Großraum München. Was fasziniert Sie an diesen Schauplätzen?
Eigentlich muss ja jeder Krimi irgendwo spielen. Für mich war interessant, einen richtigen Ermittlerkrimi zu schreiben, wo ich das Rätsel Stück für Stück aufdrösel und der Leser eigentlich auch nicht mehr weiß als die Personen im Buch. Und dann ist immer die Frage: Wo siedelt man so etwas an? Das geht genau so in einem Fjord wie in Bamberg. Da ich mich selbst gut in Bamberg auskenne, wollte ich etwas machen, was in Bamberg spielt.

Wie würden Sie Ihr neuestes Werk, den Krimi "Falsche Versprechen", kurz beschreiben?
Es geht schon in Richtung Politik. Den Anstoß dazu habe ich durch eine Zeitungsnotiz bekommen. Da hieß es ganz lapidar: Europol gibt an, dass im Jahr 2015 rund 10 000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge verschwunden sind. Und dann dachte ich: Wie geht denn das? Man kann doch nicht einfach so verschwinden. Dann begann ich zu recherchieren, zunächst mal aus Eigeninteresse. Und irgendwann dachte ich, dass das eigentlich so ein riesiges Thema ist, das auch für andere interessant wäre und das auch zum aktuellen politischen Alltag passt, aber doch nicht so das Typische ist, was man erwartet. Es geht um Migration und Armutsprobleme überall auf der Welt.

Wie viel Wahrheit steckt demnach im fiktiven Handlungsgeschehen des Buchs?
Ich fürchte, eine Menge. Ich habe relativ intensiv ausgehend von dieser Europol-Meldung recherchiert. Da heißt es dann, das man sich das Verschwinden eigentlich nicht erklären kann. Sicherlich sind soundso viele Kinder doppelt registriert und dann verschwindet quasi eine Person, was noch das Beste wäre. Oder sie sind bei einem Verwandten untergekommen. Aber es erklärt offenbar nicht, warum dann ein Großteil doch nicht gefunden wird. Man fragt sich dann schon, wer die überhaupt sucht. Es gibt ja keinen, der die vermisst meldet.

Was steckt in "Falsche Versprechen"? Lösungsansätze für die Flüchtlingspolitik? Oder nur eine Abbildung des Ist-Zustands?
Ich suche mir ja Schicksale und Figuren aus und schaue in diese hinein, warum die Sachen machen. Da habe ich mir zum Beispiel diesen Abdul herausgesucht, einen männlichen Flüchtling, der eigentlich auf zwei Mädchen aufpassen soll, aber das nicht macht, weil er seine eigenen Deals machen will. Er ist natürlich ein Kotzbrocken, aber man kann ihn auch verstehen, weil er eben in diese Situation hineingeraten ist.
Man sollte immer menschlich sein, das ist, denke ich, das Entscheidende. Letztlich geht's einfach darum, zu signalisieren, wer auch immer du bist, du könntest es schlechter treffen. Ich denke mal, ein Krimi enthält nie nur eine Botschaft, sondern erzählt spannende Geschichten. Dadurch löst man vielleicht etwas in den Leuten aus und sie denken nach und unterhalten sich mit anderen darüber. Das Muster auflösen, das ist eigentlich wichtiger.

Wem empfehlen Sie "Falsche Versprechen"?
Leuten, die Ermittlerkrimis und ein bisschen Politik in der Literatur mögen. Es gibt keine Altersbeschränkung.

Die Fragen stellte
Corinna Bail.