E rnte"dank" - Ernte"sorge": Es soll Kinder geben, die zwischen einer Kuh auf der Weide und einem Tetrapak Milch auf dem Frühstückstisch keine Verbindung herstellen können, noch viel weniger zwischen dem panierten Schnitzel und dem niedlichen Ferkel im Fernsehen. Ein Wunder ist das nicht: Die Sterilität, mit der uns vor allem tierische Lebensmittel heute dargeboten werden, verschleiert die Bedingungen, unter denen sie produziert werden; das gilt vor allem für die Berge von Fleisch, die in unseren Breiten traditionell verzehrt werden. Dabei ist das, was zum Verkauf kommt, ja eh nur das "Beste". Dass ein Schwein aus weit mehr besteht als einem Schäuferla und ein Rind aus mehr als einem Ossobucco oder einem Tafelspitz und dass all das sozusagen "umsonst" gelebt hat (versuchen Sie mal, an einen Ochsenschwanz für eine Suppe zu kommen), all das wird sich auf den Erntedankaltären unserer Kirchen nicht finden. Da tun wir so, als hätten wir nur für Kartoffeln, gelbe Rüben und Paprika zu danken.
Wer ein Tier nicht töten kann, soll es auch nicht essen, hat mal einer gesagt. Hat er so unrecht?
Die Bibel weiß um den Zusammenhang von Leben auf Kosten anderer, wenn sie den Menschen den Fleischkonsum ausdrücklich erst "nach dem Sündenfall" zugesteht. Die moderne ideelle Lebenshaltung des Vegetarismus oder Veganismus ist ihr sicherlich fremd, aber die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der Menschen auf Kosten von Tieren leben, ist für sie Ausdruck einer tiefgehenden Entfremdung. Wenn Kinder älter werden und den Zusammenhang zwischen ihrem Schnitzel auf dem Teller und den Schweinen im Stall realisieren, verweigern nicht wenige von ihnen für längere Zeit den Fleischkonsum.


Ein Ansporn?

Erwachsene können das als pubertäre Wirren abtun, aber das ehrliche Empfinden, ja die Scheu, die da zum Ausdruck kommt, könnte auch ein Ansporn sein, über das, was wir Tieren als "Lebensmittel" abverlangen, sehr, sehr lange nachzudenken und entsprechend zu handeln.
Gewiss, wer Fleisch nicht beim Discounter kauft, kauft teurer und in Folge, je nach persönlichem Budget, vielleicht auch seltener - aber womöglich bleibt beim Braten mehr in der Pfanne übrig und es hat weniger den schalen Beigeschmack jener Massentierhaltung, die zum Himmel schreit wie einst das Blut Abels. Die ehrliche Haltung der Dankbarkeit, die Grund des Erntedankfestes ist, schließt auch die Sorge um die Mitgschöpfe ein, denen wir ihr Leben für unseren Genuss abverlangt haben.
(Hans-Christian Neiber ist Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Zeil.)