Rottenbach — Es ist der 10. November 1989. Um 3.50 Uhr überquert das erste Fahrzeug an die Grenze bei Rottenbach von Ost nach West. Innerhalb der nächsten drei Tage werden noch 16 519 Autos folgen, die 65 515 Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR nach Bayern bringen. An diese schicksalhaften Tage erinnerten evangelische und katholische Christen am Sonntag mit einem ergreifenden Gottesdienst in der Rottenbacher Matthäuskirche.

Hautnah dabei

Neben zahlreichen Gästen begrüßte Pfarrerin Dorothea Eichhöfer-Wunder in dem übervollen Gotteshaus besonders den früheren Dekan Wolfgang Butz. Er wirkte von 1980 bis 1992 in Lautertal und erlebte die Grenzöffnung hautnah mit. Die Pfarrerin betonte, dass die Erinnerung an die Grenzöffnung einhergehen müsse mit dem Gedenken an die Opfer des DDR-Regimes. Dank müsse jenen gesagt werden, die damals den Mut zur friedlichen Revolution gehabt hätten. Mahnend wies die Pfarrerin darauf hin, dass überall der Fall der Grenze gefeiert werde, gleichzeitig aber Europa die Grenzen "dicht macht".
In seiner Predigt rief Wolfgang Butz anschließend in Erinnerung, dass gewaltfreier Widerstand ein repressives System zum Wanken und zum Einsturz gebracht habe. "Viele haben trotz Stasi-Überwachung und Repressalien dazu beigetragen", sagte Wolfgang Butz. "Die Friedensgebete diesseits und jenseits der Grenze, auch in Rottenbach und Eisfeld, waren verbindende Zeichen und Symbole der Hoffnung und des Widerstandes gegen Unterdrückung."
In den geschützten Räumen der Kirchen fanden die Menschen ihre Sprache wieder, so der ehemalige Dekan. Er sei fest davon überzeugt, dass die Friedensgebete die Welt verändert hätten. "Dass mit Gebeten und Kerzen ein ganzes System mit Panzern und Raketen ins Wanken gebracht werden könnte, hätte keiner für möglich gehalten", unterstrich Butz.

Glockengeläut rief alle zusammen

Er erinnerte sich an einen bewegenden Gottesdienst in der Rottenbacher Kirche kurz vor Weihnachten 1989. Nach Jahren der Trennung kamen Christen aus Görsdorf, Haidt, Herbartswind und Rottenbach zusammen. Ein Teilnehmer meinte damals: "Wir haben die Glocken der Kirche gehört und die Sehnsucht war in uns, dass wir wieder zusammenkommen können." Butz forderte, die Erinnerung an die gewaltfreie Revolution zu pflegen und im Gedächtnis zu behalten. "Es ist unser Aufgabe, sie unseren Kindern und Enkeln weiterzuerzählen."
Im Anschluss an den Gottesdienst begaben sich viele Besucher nach Eisfeld, um der Einweihung des ehemaligen Grenzturms beizuwohnen. Dabei sprachen auch Horst Weingarth, der ehemalige Besitzer des Grenzturms, und Eisfelds Bürgermeister Sven Gregor, der die ehemalige Grenze als einen "Akt der Unmenschlichkeit" bezeichnete.
Dass das neue Museum bei der Bevölkerung auf große Resonanz trifft, bestätigte sich nicht nur am Sonntagnachmittag, als geschätzte 500 Bürgerinnen und Bürger den Platz um den Grenzturm säumten. Auch schon in den Tagen zuvor wurde nach Worten von Sven Gregor die Gedenkstätte regelrecht "überrannt". Gregor versäumte es nicht, sich bei allen zu bedanken, die das Projekt möglich gemacht haben: "Die Stadt Eisfeld hätte das nicht allein stemmen können." mr