von unserem Mitarbeiter Gerhard Schmidt

Ermershausen — Eine ältere und eine jüngere Frau streiften vor Kurzem durch den Ort und schienen etwas Bestimmtes zu suchen. Darauf angesprochen, sagten sie, sie seien Gertrude Strobel aus den USA und Barbara Zahel aus Chemnitz, bis zur Wende noch Karl-Marx-Stadt. Gertrude Strobel und ihre Mutter Mascha Ganzky-Labun sind Juden. Sie erlebten die Nachkriegszeit von 1945 bis 1950 - als Heimatvertriebene getarnt - in Ermershausen. Auch nach 1945 sollte niemand wissen, dass beide Juden waren, denn die Angst vor dem Holocaust steckte noch in den Knochen.
Ihre Zimmer befanden sich im ehemaligen Judenhaus Rau in der Rapsgasse. Gertrude Strobel, als Gertrude Ganzky 1938 in der Ukraine geboren, musste im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter Mascha Ganzky-Labun vor den Russen nach Lobau, dem heutigen Lubon in Polen, fliehen. Dort konnten sie aber auch nur einige Jahre bleiben, ehe sie vertrieben wurden und über Würzburg in Ermershausen landeten. Gertrude Strobel erzählt lebhaft, wie ihnen ein Zimmer in einem Haus in der Rapsgasse zugeteilt wurde, das Wilhelm und Friedrich Berwind gehörte. Heute steht an dieser Stelle der Neubau von Familie Korb.
Niemand wusste damals in Ermershausen, dass die Ganzkys Juden waren. Sie offenbarten das auch nicht, als sie Ermershausen 1950 verließen und nach Kalifornien aufbrachen. Beim jetzigen Besuch nach 64 Jahren erinnerte sich die 77-jährige Gertrude Strobel, die mit ihrer Stieftochter Barbara Zahel aus Chemnitz kam, noch an detaillierte Begebenheiten in Ermershausen, das sie ihre "Heimat" nennt. Die fünf Jahre, die sie nach dem Krieg als Kind in Ermershausen gelebt hatte, reichten anscheinend aus, um nach den Jahren auf der Flucht ein Heimatgefühl zu bekommen.

Zu jedem Haus eine Geschichte

Bei einem Rundgang durch Ermershausen kamen immer mehr Erinnerungen hoch, und zu fast jedem Haus fiel Gertrude Strobel eine kleine Geschichte ein, denn ihre Mutter Mascha war Näherin und brachte sich und ihr Kind mit Näharbeiten durch.
Gertrude Strobel bleibt vor der ehemaligen Synagoge stehen und erinnerte sich an Otto und Lina Schnetzer, nur "Schnetzers Lina" genannt, die dort eine Wohnung hatten. Auch an die Helfrichs in der Pension "Karin" in der Hauptstraße erinnert sich Gertrude Strobel noch sehr genau. Die Helfrichs betrieben eine Metzgerei und Gastwirtschaft (Schippelwirtschaft). Etwas abseits liegt die "Villa Kunterbunt", wo ihre Mutter auch nähte. Gertrude Strobel kommen die Tränen, als sie erzählt, wie sie als kleines Kind mithalf, durchs Leben zu kommen, ohne dass jemand erfahren durfte, dass sie Juden waren. Als kleines Mädchen ging sie zu den Bauern, wo sie beim Schlachten um etwas Gretelsuppe (Kesselfleischbrühe) bettelte und manchmal sogar mit einem kleinen Würstchen, einer kleinen Leberwurst, beschenkt wurde. Sie spricht auch vom "kleinen Weiherchen" und meinte den 1936 erbauten Badeweiher, der heute zur Fischaufzucht genutzt wird. Weiter erzählt sie von einer Klöpplerin weiter unten, wo nur die Weidachsmühle gemeint sein kann. Auch die "Staritzenburg", die ehemalige Synagoge und das Rathaus waren bestimmte Punkte. "Eine Freundin gewann ich damals kaum, denn der Kontakt zu anderen Kindern kam nie so recht zustande", sagt Strobel. Sie besuchte die "kleine Schule", wo sie bis zur Abreise von Lehrer Fischer unterrichtet wurde.
1950 wanderten die Ganzys dann in die USA aus. Aus Gertrude Ganzky wurde die Gertrude Strobel, als sie in Amerika einen Hans Strobel aus Chemnitz heiratete. Ihr Mann brachte Barbara Zahel mit in die Ehe, die ihr mittlerweile wie eine leibliche Tochter ans Herz gewachsen ist.
Zum Abschluss der Reise in die Vergangenheit besuchten die beiden noch Betty Franz, eine geborene Hertlein, gegenüber der Synagoge. Betty Franz wohnte während des Krieges noch in der Rapsgasse im ehemaligen Anwesen Wacker. Sie konnte sich zwar nicht mehr an eine Gertrude Ganzky erinnern, war aber selbst erstaunt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg noch Juden in Ermershausen gewohnt hatten.