Edle Regenten sind sie wohl nicht, aber sie wohnen immerhin auf einem Schloss und thronen über Hassenberg. Das Weißstorchpaar, das sich zum Brüten und zur Aufzucht seiner Jungen hier niedergelassen hat, sorgt für viel Interesse. In Steinach bei Mitwitz organisierte deshalb der Vorsitzende der LBV-Gruppe Steinachtal (Landesbund für Vogelschutz), Uli Münch, ein besonderes Treffen: "Storchenwatch" nannte er es, und Gastgeber waren Altbürgermeister Hans-Peter Laschka und seine Frau Barbara.

Versorgt wurden die etwa 25 Teilnehmer nicht nur mit spektakulären Bildern, sondern vor allem auch mit ganz vielen Infos vom Storchenbeauftragten Hans Schönecker. "I love Störche," so prangte es in großer Schrift auf seinem schwarzen T-Shirt und Schönecker lebt, was er liebt. Sein umfassendes Wissen über diese Vogelart beeindruckte vor allem deshalb, weil er mit kleinen Anekdoten aufwartete. Ein ganzes Storchenjahr im Schnelldurchlauf, von der Eiablage bis zum Zug in ein Winterquartier und wieder zurück.

Wie das klappt beim Hassenberger Storchenpaar, das vermittelte ein Blick durchs Teleobjektiv. Man konnte gut beobachten, wie die beiden Jungen gefüttert und umsorgt werden. Selbst mit bloßem Auge war zu erkennen, dass beide Elternteile ihr Bestes geben, um ihren Nachwuchs durchzubringen. Der ist mittlerweile zwar aus dem Gröbsten raus, aber es überleben nur die Starken. Wer nicht genug Fressen in den Magen bekommt, der ist am Ende der Verlierer. Aber auch Starkregen kann zum Tod der Tiere führen, weil ihr Flaum sie nicht vor Kälte und Nässe schützen kann. "Zwar breiten die Eltern die Flügel aus, aber auch sie werden ja nass und deshalb können ihre Jungen dann trotzdem an Unterkühlung sterben."

Wer überlebt, bei dem werden im Juni die Schwingenfedern langsam erkennbar. Die Jungen stehen auf den Füßen und sind etwa 1,5 Kilogramm schwer. Bis sie allerdings zwei Meter Flügelspannweite und ein Gewicht von drei bis vier Kilogramm haben, dauert es noch etwas. "Aber sie machen die ersten Flugübungen, denn die Flügel müssen bewegt werden, damit sich die Muskulatur ausbilden kann. Dabei heben sie schon mal zwei bis drei Meter über dem Horst ab und lassen sich dann wieder absinken. Aber diese Übung kann ganz leicht auch in die Hose gehen", sagte Schönecker. Es seien dabei schon Junge am Storchennest vorbeigesunken und auf dem Boden gelandet.

Beim Futter nicht wählerisch

Im Juli schließlich, wenn es mit dem Fliegen schon ganz gut klappe, stellten die Eltern langsam die Fütterung ein. "Das geschieht, damit die Kleinen ihnen folgen und lernen, sich ihre Beute selbst zu suchen." Heuschrecken, Mäuse, Insekten, Ratten - der Weißstorch sei nicht wählerisch, was sein Futter angehe. Das anfängliche Betteln der Jungstörche ende nach etwa einer Woche, denn dann hätten sie endgültig begriffen: "Es gibt keinen Lieferservice mehr." Bereit, ihr eigenes Abenteuer zu suchen, verließen die Jungstörche Anfang August den Horst, um sich einem Zug Richtung Winterquartier anzuschließen. "Zurück bleiben die Eltern, die es sich noch etwa einen Monat lang einfach gut gehen lassen. Jetzt haben sie endlich Zeit für sich." Ab September machten dann auch sie sich auf den Weg in wärmere Gefilde - aber das eben auch oft getrennt voneinander.

Welche Entfernungen sie dabei zurücklegen, ist schon spektakulär. Bis zu 13 000 Kilometer einfach kommen da zusammen. Richtung Afrika gebe es nämlich eine Ost- und eine Westroute und da könne es vorkommen, dass Störche auf den Mülldeponien Portugals blieben, weil sie dort ein entsprechendes Nahrungsangebot vorfänden. Die anderen, die bis nach Afrika fliegen, leisteten in etwa drei Wochen ein beachtliches Pensum. "Sie können bis zu 600 Kilometer am Tag zurücklegen und sind Thermikflieger, aber über dem Wasser gibt es keine Thermik. Sie müssen also in großer Höhe von Gibraltar aus starten und kommen in Bodennähe in Afrika an. Da kann es schon mal zu einer Überanstrengung kommen, und ein Teil der Störche fällt deshalb in Küstennähe ins Mittelmeer", erklärte Schönecker.

Im Frühjahr machten sich die Tiere auf den Rückweg, denn "wer zuerst kommt, kann zuerst seinen Horst besetzen." Der Storch sehe es wohl eher pragmatisch, denn laut Schönecker kommt bei ihm die Horsttreue noch vor der Partnertreue. "Unter anderem auch aus diesem Grund überwintern immer mehr Störche hier, wenn das Futterangebot stimmt. Und kommt die alte Partnerin nicht zurück, dann nimmt er sich eine neue." Und weil Störche in solchen Fällen ähnlich wie wir Menschen ticken, gebe es natürlich auch unter ihnen Zickenkriege und Revierkämpfe.