1926 markierte das Tageblatt-Gebäude den Beginn der Hindenburgstraße: Von Arthur Bergmann im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut, stand es an der Ecke Mohrenstraße bis Anfang der 70er Jahre. Dann musste es dem Neubau des "Kaufhof" weichen. "Eine städtebauliche Todsünde", sagt Robert Schäfer. Er referiert an diesem Samstagabend über die Coburger Architektur zwischen 1918 und 1973 unter dem Titel "Alles Bauhaus oder was?" Über 100, vielleicht 150 Zuhörer hat er versammelt - genau weiß man das nicht, denn Schäfer referiert am Stehpult in seiner Wohnung, seine Zuhörer sitzen zu Hause in ihren Wohn- und Arbeitszimmern. Das Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) bietet seine Vorträge seit Dezember online an - und das mit großem Erfolg. Unter 100 zugeschalteten Geräten bleibt selten ein Vortrag - "und da sitzen erfahrungsgemäß anderthalb Leute dahinter", sagt Günter Dippold, der Vorsitzende des CHW.

Bis zu 700 Zuhörer

Er hat im Dezember einfach mal angefangen mit den Online-Vorträgen. Erfahrung mit diesem Format hatte er: Als Professor an der Uni Bamberg muss der Bezirksheimatpfleger und Historiker auch "gegen den Bildschirm reden", wie er es nennt. Also wagte er den Versuch. 45 Geräte waren beim ersten Vortrag zugeschaltet. Das ermutigte: Bald waren es 100, "und irgendwann noch mehr".

Spitzenreiter war bislang der Vortrag über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Bamberg, den der Bamberger Stadtarchivar Horst Gehringer mit Filmaufnahmen vom Vorrücken der US-Army auf die Domstadt anreichern konnte. 476 zugeschaltete Geräte - "da kam unsere Zoom-Lizenz an ihre Grenzen", sagt Dippold. Nach seiner Rechnung bedeuten 476 Geräte rund 700 Zuschauer, "und damit wird in Coburg das Kongresshaus knapp". Von solcher Resonanz können Historiker sonst nur träumen, sagt auch Horst Gehringer, der selbstredend nicht nur beim CHW Mitglied ist, sondern auch beim Historischen Verein Bamberg. Auch dort finden die Vorträge inzwischen online statt, mit 30 bis 75 Zuschaltungen, wie Gehringer sagt.

Vereinsleben aufrechterhalten

Gehringer sieht in den Online-Vorträgen auch eine Überlebensstrategie für historische Vereine wie den Bamberger oder das CHW. Denn das Vereinsleben selbst bestehe hauptsächlich aus dem Vortragsangebot, sagt Gehringer. Beim CHW bieten die 19 Bezirksgruppen ihre Vorträge normalerweise vor Ort an - "um die 75 zwischen Dezember und April", sagt Dippold. Nur: Meist wird für diese Vorträge nur regional geworben. Für die rund 50 Online-Veranstaltungen dieser Saison wirbt das CHW nun oberfranken- und weltweit über seine Homepage oder den Facebook-Auftritt. "Wir hatten bei einem Vortrag Gäste aus vier Kontinenten", erzählt Dippold. "Einer saß in Benin, einer in Bolivien, einer in Pennsylvania". Die Europäer - "Franken, Exilfranken, Frankensympathisanten" - sind ohnehin dabei. "Aus Sachsen oder Bremen wäre doch nie einer hergefahren", sagt Dippold.

Carl-Christian Dressel hätte für den Coburg-Vortrag zwar "nur" aus Erfurt anreisen müssen. Aber das hätte er nie gemacht, sagt er selbst. So aber verfolgte er den Vortrag über Coburgs Architektur von zu Hause aus. "Das online anzubieten ist eine hervorragende Aktion", sagt der frühere Coburger Stadtrat.

Corona hat die Entwicklung beschleunigt, die Dippold schon lange hat kommen sehen. "Ich habe immer gesagt: Wir müssten, wir sollerten, könnerten a weng mehr im Internet mach'", sagt er unüberhörbar fränkisch. "Ohne Corona wären wir in dieser behaglichen Atmosphäre des Konjunktivs geblieben." So aber können die Zuhörer nicht nur die Vorträge live verfolgen und hinterher Fragen stellen oder diskutieren, sie können die Vorträge auch nachträglich noch ansehen - wenn auch ohne Fragerunde. Die wird weggeschnitten, unter anderem aus Datenschutzgründen. "Außerdem sollen live Zuhörende auch einen Vorteil haben", sagt Dippold.

Auch die Viertelstunde vor Vortragsbeginn fällt beim Video weg. Die nutzen viele regelmäßige Nutzer "zum Leerwaafen", wie Dippold sagt. "Grad schee is'." Da werden Tipps fürs Sockenstricken ausgetauscht oder nach dem Befinden der Katze gefragt, die bei einer Zuhörerin immer wieder mal im Bild erscheint. "Es hat so etwas völlig Schwellenloses", schwärmt der CHW-Vorsitzende, der sich selbst zwar mit einer alten Stehlampe am Laptop ins rechte Licht setzt, aber das Ganze ansonsten recht entspannt sieht, wenn es mal technisch hakt. Da durfte jüngst ein Referent seine erste Vortragsminute am Ende noch mal sprechen, damit auch ja alles aufgezeichnet ist. "Es muss nicht alles perfekt sein. Wir haben eh eine Welt, wo alles so gelackt und perfektioniert ist. Dann ist der Ton halt verständlich, aber kein Dolby-Surround. Oder der Einspieler kommt ein paar Sekunden später. Ich hab da inzwischen Gelassenheit gelernt. Das ist die beginnende Altersweisheit." Dippold wird heuer 60.

Versprechen: Online bleibt

Alter ist bei den Online-Vorträgen kein Hindernis, eher im Gegenteil: Gerade das ältere Publikum nehme das Angebot dankbar an, hat Dippold beobachtet. Nicht nur, dass die Zoom-Vorträge Zusammenkünfte trotz Ausgangssperre ermöglichen. Viele wollen abends nicht extra noch zu einem Vortrag fahren, gerade im Winter. Und: Aus einem Online-Vortrag lässt sich jederzeit aussteigen, wenn das Thema nicht interessiert. Aufstehen und unter den Blicken aller einen Saal zu verlassen, fällt da schon schwerer. Aus all diesen Gründen geht Dippold auch davon aus, dass das Online-Angebot bleiben wird.

Hinzu kommt, dass noch nicht absehbar ist, welche Zusammenkünfte in den nächsten Monaten erlaubt werden. Der Historische Verein Bamberg bietet seine Vorträge normalerweise in einem Lehrsaal der Universität an. Doch Horst Gehringer vermutet, dass Externe da nicht so schnell Zugang erhalten werden, wenn die Uni jetzt schon ein weiteres Semester im Wechsel- und Onlinebetrieb plane.