Holger Peilnsteiner

Die Freunde der Plassenburg widmeten sich bei ihrem historischen Stammtisch in der Burgschänke einem bisher nur sehr wenig erforschten Kapitel der Geschichte des Kulmbacher Wahrzeichens: die Zeit der Plassenburg als Zuchthaus, Gefängnis und Arbeitslager.
Hubert Kolling referierte über die Geschichte, die Lebens- und Arbeitsumstände und die Dramen, die sich in der früheren Strafanstalt abspielten. Er mahnte, dass es sich lohne, über diese Zeit mehr herauszufinden und zu lernen: "Mehr als 100 Jahre lang wurde die Plassenburg als Strafanstalt genutzt, in der viele tausend Menschen ihre Strafen absitzen mussten."


"Ein Behälter des Elends"

Seine Forschungen hat er in einem jüngst erschienenen Buch mit dem Titel "Ein Behälter des Elends. Die Plassenburg als Strafanstalt (1817 - 1928)" zusammengefasst. Die Fakten und Hintergrundberichte sind mit über 160 Fotos und zahlreichen Tabellen aufgelockert, die einen beredten Einblick in die Nutzung der Plassenburg im Dienst des Strafvollzugs geben.
Als sich die Justiz im Zuge der Aufklärung und der französischen Revolution änderte und Strafen immer häufiger als abzusitzende Gefängniszeit ausgesprochen wurden, nutzte das junge Königreich Bayern mehrere seiner Festungen als Zucht- und Arbeitshäuser, darunter gleich ab 1817 die Plassenburg.
Zuchthausstrafen waren mit schwerer Arbeit verbunden, während Gefängnisinsassen arbeiten durften. "Ein Jugendstrafrecht gab es nicht, oft saßen junge Menschen mit Schwerkriminellen zusammen ein, was kaum zu einer Resozialisierung beigetragen haben dürfte", so der Referent.


Diebe und Dirnen

Auf der Plassenburg saßen bis zur Strafrechtsreform 1861 Männer und Frauen in getrennten Bereichen ein. Die Burg war gleichzeitig ein Zwangsarbeitshaus, in dem Bettler, Landstreicher, Hehler, Diebe, Betrüger, Dirnen und Kupplerinnen einsaßen. Die Idee war, sie mit Arbeit und Schulunterricht zu einem organisierten und gesetzestreuen Lebenswandel zu erziehen. Schulpflichtig waren alle bis zum 36. Lebensjahr.
Im Zuchthaus hingegen waren notorische und Schwerverbrecher inhaftiert, die unter anderem Mord, Notzucht, Raub, Erpressung, Urkundenfälschung, Wilddiebstahl und Hochverrat begangen hatten.
Leiter des Gefängnisses war ein Hauptkommissar, dem das Gefängnispersonal unterstand. Bis zu 121 Soldaten der bayerischen Armee bewachten die gesamte Anlage. Bei Ausbrüchen warnte eine auf dem Westrondell aufgestellte Signalkanone die Stadt Kulmbach und das Umland. Sie wurde auch bei Feuer genutzt.
Die Zellen auf der Plassenburg wurden im 19. Jahrhundert immer "Zimmer" genannt und unterstanden der Aufsicht eines so genannten Hausmeisters, den man wohl eher als obersten Wärter bezeichnen würde. "Neuankömmlinge wurden erst einmal mit einem ,Wilkomm' begrüßt", so Kolling, das bedeutete neben einer gründlichen Untersuchung auch "eine ordentliche Tracht Prügel".
Dabei wurden Männer und Frauen recht unterschiedlich behandelt. Bekamen die Herren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Stockhiebe für einen Verstoß gegen die Anstaltsvorschriften, so erhielten die Damen Besenhiebe.
Die Insassen arbeiteten in der Plassenburg in einer Spinnerei, einer Weberei und einer eigenen Landwirtschaft. Aber auch außerhalb wurden sie als Arbeitskräfte eingesetzt, so beim Bau der König-Ludwig-Süd-Nord- Bahn, mit der 1846 Kulmbach an das bayerische Eisenbahnnetz angeschlossen wurde.
Die Gefangenen erhielten eine kleine Summe Geld für ihre Arbeit, die ihnen auf ein Sparkonto eingezahlt wurde. Die Verpflegung war nicht üppig. In den ersten Jahrzehnten wurde so genannte Rumfordsuppe aus Getreide, Erbsen oder Bohnen und Essig ausgegeben. Teilweise gab es Klöße - und die zwei Fleischportionen, die den Gefangenen pro Woche zustanden, wurden meist auf vier Tage gestreckt. "Es war ein hartes Leben", schloss Kolling.