von unserer Mitarbeiterin 
Marion Krüger-Hundrup

Bamberg — In Qualität und Erhaltungszustand sind diese hochmittelalterlichen Gewänder "einzigartig und eine Sensation!" Sibylle Ruß ließ bei den vielen Besuchern ihres Vortrages im Alten E-Werk keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass der vollständig erhaltene Papstornat aus dem Grab von Clemens II. im Bamberger Dom einen weltweit bedeutenden Rang unter allen Textilfunden einnimmt.
Doch die Textilrestauratorin beklagte "mangelnde archivalische Quellen", Quellen also, die eindeutig belegen könnten, dass es "des Papstes letzte Kleider sind". "Ist es tatsächlich der Ornat, in dem Papst Clemens II. im Jahr 1047 bestattet wurde, oder stammt dieser aus der Zeit der Umbettung 1230?" Ruß musste die Antwort schuldig bleiben. Zunächst jedenfalls. Denn "in naher Zukunft sollen die Textilien mit innovativen zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden erstmals seit 1955 neu erforscht werden", stellte die Expertin in Aussicht. "Wir stehen in den Startlöchern für Materialbe stimmungen", fügte Ruß hinzu. Sicher sei zumindest jetzt schon, dass diese päpstlichen Textilien zwischen 1000 und 1200 entstanden und aus dem "empfindlichsten Material unserer Kulturgüter" sind.


Vor den Bomben geschützt

Bei allen Fragezeichen bezüglich einer genauen Datierung der Gewebe gelang es Ruß, ihre Zuhörer mit Bild und Wort zu fesseln, ja wieder neugierig zu machen auf einen Besuch im Diözesanmuseum. Darin ist der aus mehreren Kleidungsstücken bestehende Papstornat seit 1960 ausgestellt: Dalmatika, Kasel, Pluviale, Pontifikalstrümpfe - schimmernde, goldgelbe Seidengewänder aus Byzanz mit Bildmotiven und eine vollkommene liturgische Gewandung. Hinzu kommen noch Stola, Zingulum, Stulpen der Handschuhe, Fransen der Mitra oder vier Kreuze vom Pallium aus blauschwarzer Seide.
Diese Kostbarkeiten wurden bei der mutmaßlich fünften Graböffnung während des Zweiten Weltkriegs geborgen. Also am 3. Juni 1942, als die wichtigsten Grabdenkmale, Skulpturen und andere künstlerisch wertvolle Ausstattung zum Schutz vor möglichen Luftangriffen in die Gewölbekeller der Villa Weyermann in der Laurenzistraße ausgelagert wurden.
Die sterblichen Überreste des Papstes wurden samt der anhaftenden Textilien in einen neuen hölzernen Sarg gebettet und im Nordwestturm des Domes deponiert. Am 23. Juni 1947 konnte die marmorne Tumba an alter Stelle wieder aufgebaut und die Gebeine des Papstes während eines feierlichen Gottesdienstes mit Erzbischof Joseph Otto Kolb, dem Domkapitel und Oberbürgermeister Luitpold Weegmann erneut beigesetzt werden. Die Pontifikalgewänder Clemens' II. waren zuvor entnommen worden.
Ruß erinnerte an den Bamberger Theologieprofessor und Kenner der fränkischen Kunstgeschichte, Heinrich Mayer. Seiner Initiative folgend und unter Vermittlung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wurden die Gewänder im Bayerischen Nationalmuseum München gereinigt.


Verdacht auf Giftmord

Die Rednerin präsentierte dazu zahlreiche Bildern, wobei die historischen Schwarz-Weiß- Aufnahmen des Bamberger Fotografen Max Gardill herausragten.
Und natürlich durfte in dieser Geschichtsstunde der Volkshochschule in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbischöflichen Ordinariat Einblicke in die Biografie von Papst Clemens II. nicht fehlen. Schließlich war dieser zweite deutsche Papst ein großer Reformer der Kirche des 11. Jahrhunderts und zugleich auch Bischof Suidger von Bamberg.
Bis in seine letzten Stunden hinein hat sich Suidger-Clemens seiner Bischofsstadt Bamberg - "meine geliebte Braut" - verbunden gefühlt. Hier wollte er begraben werden. Nach einem kaum zehnmonatigen Pontifikat verstarb er nach plötzlich aufgetretener, schwerer Krankheit am 9. Oktober 1047 im Kloster St. Tommaso in Foglia. War es ein Giftmord? Eine Bleivergiftung? Eine kriminologische Untersuchung seiner sterblichen Überreste 1959 erhärtete den Verdacht. Das Hochgrab von Papst Clemens II. im Westchor des Bamberger Doms wäre eine eigene kunsthistorische Vortragsstunde wert. Die absolvierte Sibylle Ruß nun nicht mehr. Die Referentin hielt sich auch nicht damit auf, das äußere Erscheinungsbild von Papst Clemens II. zu zeichnen. Wer sich im Diözesanmuseum seine Gewänder anschaut, wird unschwer feststellen, dass dieser Mann eine stattliche Größe gehabt haben muss. Und wer in die Vitrine blickt, erkennt, dass der Papst unter der Last seines Amtes nicht ergraut war: Rotblonde Haarbüschel von seinem Haupt setzen einen ganz eigenen Akzent auf die Präsentation aus dem einzigen Papstgrab nördlich der Alpen.