Wer das Herzogshaus Sachsen-Coburg und Gotha verspotten wollte, sprach im 19. Jahrhundert vom "Gestüt Europas": Das Coburger Herzogshaus war mit fast allen regierenden Häusern des Kontinents verwandt oder verschwägert. Der Grundstein dafür wurde gelegt, als das Herzogtum noch Sachsen-Coburg-Saalfeld hieß, und zwar vor 225 Jahren: Am 26. Februar 1796 heiratete Großfürst Konstantin Pawlowitsch Romanow-Holstein-Gottorp die Prinzessin Juliane Henriette Ulrike von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Aus der noch nicht mal 15-jährigen Juliane wurde die russische Großfürstin Anna Fjodorowna. Ihr Gemahl, damals 16, war Enkel der Zarin Katharina der Großen und Bruder der späteren Zaren Alexander I. und Nikolaus I.

Zarin Katharina II. selbst suchte in den protestantischen deutschen Fürstenhäusern nach Partnerinnen für ihre Enkel. Die drei Coburger Prinzessinnen Sophie, Antoinette und Juliane reisten zusammen mit ihrer Mutter Auguste im August 1795 an den Zarenhof; Großfürst Konstantin entschied sich für die jüngste. Juliane musste für die Heirat zum russisch-orthodoxen Glauben konvertieren.

Mit ihrer Familie in Coburg hielt Juliane Briefkontakt. Zudem sandte sie öfter Geld. Für Julianes Vater, Erbprinz Franz Friedrich Anton, stellte es eine willkommene Linderung dar. Denn das Herzogtum ächzte zur damaligen Zeit unter gewaltigen Schulden. Doch die Heirat brachte nicht nur Geld: Coburgs russische Großfürstin bedeutete Renommee und war in den Wirrnissen der napoleonischen Zeit eine Art Rückversicherung.

Nur: Die Ehe wurde nicht glücklich. Großfürst Konstantin galt als brutal, und Großfürstin Anna verließ ihn mit Billigung ihres Schwagers, des Zaren Alexander, schon 1801. Bis 1820 blieb das Paar aber noch offiziell verheiratet. Das sicherte der Großfürstin einen standesgemäßen Lebensunterhalt. Sie reiste viel und kaufte sich 1814 in Bern einen Landsitz. Der Zar blieb den Coburger Verwandten also weiterhin gewogen. Das zeigte sich auch darin, dass er Julianes Bruder Leopold in sein Gefolge nahm, als er 1814 England besuchte. Bei dieser Gelegenheit lernte Leopold die britische Thronfolgerin Charlotte kennen, die sich in ihn verliebte und ihn heiratete. Sie starb aber bei der Geburt des gemeinsamen Kindes.

Leopold nutzte in den Folgejahren seine Kontakte, wurde König der Belgier und vermittelte vorher noch seine und Julianes Schwester Victoire als Gemahlin an den Herzog von Kent. Dieser Ehe entspross die spätere Queen Victoria, die ebenfalls einen Coburger Prinzen heiratete: Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Juliane war des Öfteren in London bei ihrer Nichte und ihrem Neffen zu Gast. Sie starb am 15. August 1860 mit 78 Jahren in Bern.

In der Ehrenburg hängen zwei Gemälde, die Juliane zeigen: Auf einem ist sieals Kind mit ihrem Bruder Ernst zu sehen, dem späteren Herzog. Das andere zeigt sie im Alter von etwa 35 Jahren. Besuchen kann man die Ehrenburg derzeit nicht - pandemiebedingt sind auch die bayerischen Schlösser nicht zugänglich.

Seit dem Anschluss von Coburg an Bayern ist die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen für die Ehrenburg und die Veste in Coburg sowie Schloss Rosenau in Rödental zuständig. Als Hofverwaltung der Kurfürsten und der Könige entstanden, ist sie heute mit 45 Schlössern, Burgen und Residenzen sowie weiteren Baudenkmälern einer der größten staatlichen Museumsträger in Deutschland. sb