Auf Seniorinnen und Senioren in Unterfranken hatten es am Mittwoch Betrüger abgesehen und waren - auch im Landkreis Bad Kissingen - mit ihrer Masche erfolgreich. Bei der Polizei in ganz Unterfranken gingen unzählige Hinweise auf versuchte Callcenterbetrüger ein. In fünf Fällen übergaben Geschädigte Bargeld und Schmuck im Wert von insgesamt über einer halben Million Euro. In einem Fall gelang der Kriminalpolizei Würzburg die Festnahme eines Tatverdächtigen. Dieser sitzt inzwischen in U-Haft, berichtet das Polizeipräsidium Unterfranken am Freitag.

Bislang unbekannte Personen gaben am Telefon vor, dass Angehörige Verkehrsunfälle verursacht hätten, bei denen Menschen getötet worden wären und dass die Angehörigen, sollte keine Kaution gezahlt werden, ins Gefängnis müssen. Vermeintliche Staatsanwälte, Polizeibeamte und Richter setzten die Angerufenen in den Gesprächen massiv unter Druck, so die Polizei. In den meisten Fällen erkannten die Opfer die Masche, legten auf und verständigten die Polizei.

Übergabe in der Maxstraße

Unter anderem täuschten unbekannte Täter mit der Masche eine 62-Jährige aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld. Die Dame übergab im festen Glauben daran, ihre Tochter damit vor einer Haftstrafe zu bewahren, 19.000 Euro Bargeld kurz nach 12 Uhr in der Maxstraße in Bad Kissingen an einen unbekannten Mann, der etwa 20 Jahre alt und rund 180 Zentimeter groß und hager gewesen sein soll. Der Geldabholer habe Hochdeutsch gesprochen und war mit einem lachsfarbenen Pullover, einer blauen Jeans und Turnschuhen bekleidet. Neben dem Bargeld gab die Betrogene noch ihre Bankdaten an die Täter heraus, da diese angeblich für mögliche Rückerstattungen benötigt würden.

Gegen 16 Uhr übergab ein 48-jähriger Mann aus Würzburg vor dem dortigen Amtsgericht 13.000 Euro Bargeld an eine weibliche Geldabholerin. Der Beamte ließ sich in großer Sorge um seine Ehefrau von den Betrügern täuschen und hegte die Hoffnung, seiner Frau durch die Zahlung der angeblichen Kaution helfen zu können. Noch im Verlauf des Telefonats ließen sich die Betrüger die personenbezogenen Daten von Familienangehörigen und die Daten des Personalausweises des Angerufenen geben. Auch dieser Aufforderung kam das Opfer nach.

Eine 85-Jährige aus Bad Kissingen ging bislang unbekannten Betrügern ebenfalls auf den Leim und übergab am Vormittag in der Theresienstraße 60.000 Euro Bargeld an einen schlanken, cirka 30-jährigen Mann, der 175 Zentimeter groß gewesen sein soll. Die Dame war derart in Sorge um ihre Enkelin, dass sie jegliche Alarmsignale übersehen hat.

Geld und Gold

Der Sohn eines 92-Jährigen aus Bad Kissingen habe bei einem Verkehrsunfall eine Frau und deren Kinder überfahren. Deshalb forderte ein angeblicher Richter 150.000 Euro Kaution. Nur so könne von einer Inhaftierung abgesehen werden. Der Senior übergab daraufhin vor dem Amtsgericht in Schweinfurt Schmuck, Goldmünzen und Goldbarren im Wert von 100.000 Euro sowie 50.000 Euro Bargeld an eine ihm unbekannte Person. Nachdem weiteres Geld gefordert wurde machte sich der 92- Jährige erneut auf den Weg und übergab 30.000 Euro Bargeld an einen Geldabholer vor dem Amtsgericht Fulda.

Auch eine 80-Jährige aus dem Landkreis Würzburg erhielt gegen 15 Uhr einen Anruf von Callcenterbetrügen, die eine Kaution zur Abwendung der Inhaftierung eines Familienmitglieds forderten. Die Rentnerin erkannte den Betrugsversuch, ging zum Schein auf die Forderungen ein und verständigte umgehend die Polizei. Beamten der Kripo Würzburg gelang daraufhin gegen 18.30 Uhr in Rimpar die Festnahme eines 41-jährigen Mannes aus Polen, der den Callcenterbetrügern mutmaßlich als Geldabholer dienen sollte. Beute aus möglichen anderen Taten konnte bei dem Festgenommenen nicht aufgefunden werden.

Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Würzburg wurde der 41-jährige Beschuldigte am Donnerstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt, der die Untersuchtungshaft gegen den Mann anordnete. Zwischenzeitlich wurde der mutmaßliche Geldabholer einer Justizvollzugsanstalt überstellt. Die Kripo Würzburg ermittelt in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Würzburg zu den Hintermännern, aber auch zu den Identitäten der Geldabholer.

Wer hat etwas gesehen?

Personen, die am Mittwoch in der Nähe der Tatorte verdächtige Beobachtungen gemacht haben oder sonst Hinweise auf die Identität der Gesuchten geben können, werden gebeten, sich unter Tel. 0931/457 1732 zu melden.

Die Polizei hat bereits 2020 die Präventionskampagne "Leg´auf!" gestartet. Das Ziel dieser Kampagne ist es, insbesondere ältere Menschen und deren Angehörige über die Phänomene wie "Enkeltrickbetrug" und "Falsche Polizeibeamte" zu informieren, zu sensibilisieren und Verhaltenstipps zu geben. Die wichtigsten Botschaften sind: Legen Sie auf. Wählen Sie selbst die Notrufnummer 110 und fragen bei der Polizei nach einem entsprechenden Einsatz beziehungsweise ob tatsächlich Verwandte in Not sind. Die Polizei weist Sie niemals an, Geld oder Schmuck zu Hause zur Abholung bereit zu legen oder an Abholer zu übergeben. Übergeben Sie keine Geldbeträge an Fremde! Auch die Polizei holt bei Ihnen an der Haustüre kein Wertsachen ab, um sie in Verwahrung zu nehmen! Die Täter können mittels Call ID-Spoofing jede Rufnummer auf dem Telefondisplay anzeigen lassen - bei der echten Polizei erscheint niemals die 110 (auch nicht mit Vorwahl)! Weitere Infos www.polizei.bayern.de/schuetzen-undvorbeugen/ senioren/004577/index.html Die Staatsanwaltschaft Würzburg und das Polizeipräsidium bitten eindringlich darum, dass Bürgerinnen und Bürger mit ihren Verwandten über "Callcenterbetrug" sprechen und auf die Betrugsmaschen der Täter in aller Deutlichkeit hinweisen. pol