An den Ort der Gründung begaben sich die Mitglieder der Kolpingsfamilie Herzogenaurach am zweiten Samstag im Januar. Vor 150 Jahren, am 12. Januar 1870, wurde der Gesellenverein, Vorgänger der Kolpingsfamilie, im Gasthaus "Zum Walfisch", nunmehr "Bücher Medien & mehr" aus der Taufe gehoben.

Dieter Lohmaier, der Vorsitzende der Kolpingsfamilie, gab einen Überblick über das Programm im Jubiläumsjahr 2020. Außerdem wurde die Entstehungsgeschichte der Kolpingsfamilie kurz umrissen.

Eine bewegte Geschichte

Aus den Statuten ist die Zielsetzung des neu gegründeten Vereins zu erkennen, der auf den Priester Adolph Kolping (1813 bis 1865) aus Kerpen zurückgeht. Grundlage des Vereinslebens war die Anregung und Förderung des sittlichen und religiösen Lebens, durch die Bildung der Handwerksgesellen wollte man einen "tüchtigen und ehrenwerthen" Meisterstand heranbilden. Erreicht werden sollte dies durch regelmäßige Zusammenkünfte in einem geeigneten Lokal zu Besprechungen und kurzen Vorträgen.

Die Vorstandschaft setzte sich zusammen aus dem Präses, der immer ein als Vorstand vom Bischof bestätigter Geistlicher sein musste, dem Vicepräses, dem Sekretär, einem Kassier, den Lehrern des Vereins und dem Bibliothekar. Die Gesellen waren durch den Gesellen-Ausschuss vertreten, der sich aus einem Senior und den Ordnern zusammensetzte.

Aus den Statuen ist auch ersichtlich, dass der Verein in erster Linie für die ledigen Gesellen zuständig war und Handwerksmeister nur als Ehrenmitglieder aufgenommen wurden. Für die damalige Zeit geradezu revolutionär verhielt sich der Verein trotz seiner konfessionellen Ausrichtung. Die Satzung erlaubte es, auch protestantische Handwerksgesellen in die Gemeinschaft aufzunehmen, ein frühzeitiger Ökumenegedanke in Herzogenaurach. Die Statuten endeten mit dem Motto "Gott segne das ehrbare Handwerk!", unterzeichnet hatten der damalige Kaplan Körber und Georg Hildel als Senior.

Wechselnde Treffpunkte

Das Theaterspielen war schon frühzeitig ein Bestandteil des Gesellenvereins, bereits am 8. April 1872 fand eine Theateraufführung im Vereinslokal statt. In den folgenden Jahren wurde das Stiftungsfest im Juli mit Kirchenzug und anschließendem Fest im Weihersbach begangen und stellte einen festen Programmpunkt im Jahresablauf dar.

Erstmals am 19. März 1891 wurde am Patronatsfest des heiligen Josef ein Festzug mit Musik vom Vereinslokal zur Kirche und nach dem Gottesdienst auf demselben Wege wieder zum Vereinslokal zurück abgehalten. Dieser Termin wurde auch in den folgenden Jahren wahrgenommen und und ist bis auf den heutigen Tag fester Bestandteil der Präsentation des Vereins in der Öffentlichkeit.

Neues Vereinsheim

Während in den Anfangsjahren die Staudigel'sche Gastwirtschaft zum "Walfisch" für die Versammlungen genutzt wurde, erfolgte am 14. Juli 1901 der Wechsel zur Brauerei Glaß, wo das Vereinslokal bis zum Juni 1922 verblieb. Der Neubau des Vereinshauses gewährte ab diesem Jahr Unterkunft für den immer stärker werdenden Verein. Eine der wichtigsten Aufgaben der örtlichen Gesellenvereine war die Betreuung der durchreisenden Mitglieder, so auch in Herzogenaurach. In den Anfangsjahren wurden diese in einem Zimmer im Gasthaus "Zum Walfisch" untergebracht.

Ab 1900 stellte der damalige Wirt der Gastwirtschaft "Zur Krone", Christoph Bauer, die Unterkunft, von 1910 bis 1922 der Besitzer der Gastwirtschaft zum "Löwen", Peter Römmelt. Ab 1922 bestand die Möglichkeit, die reisenden Gesellen im christlichen Vereinshaus logieren zu lassen.

Im Jahr 1930 beging der Verein sein 60-jähriges Gründungsjubiläum. Er zählte in diesem Jahr 300 Mitglieder, darunter 116 aktive, 170 passive, sowie 14 Ehrenmitglieder. Nur drei Jahre später hatte sich die Situation grundlegend gewandelt.

Die Zwangsmaßnahmen der Nationalsozialisten brachten starke Beschränkungen mit sich, die Fahnen durften nicht mehr öffentlich gezeigt werden, ein geschlossenes Auftreten war unmöglich geworden.

Auch das Vereinshaus konnte nicht mehr genutzt werden. Das Vereinsvermögen und die Fahnen wurden der Pfarrei übereignet, um sie für eine bessere Zeit zu erhalten.

Neustart nach dem Krieg

Bereits am 10. Juni 1945 konnte Stadtpfarrer Leonhard Ritter in der Marienkapelle mit 30 Kolpingsöhnen an die Vereinsarbeit vor dem Dritten Reich anknüpfen. Auch die Theatergruppe trat wieder in Aktion, bei der 600-Jahr-Feier 1949 bereicherte sie das Festprogramm um das historische Schauspiel "Der Zunftmeister von Nürnberg". Eine kontinuierliche Vereinsarbeit brachte das Anwachsen der Mitglieder mit sich, ab 1972 durften auch Frauen der Kolpingsfamilie beitreten. 1976 wurde die Grenze von 200 Mitgliedern überschritten.

Einen Höhepunkt stellte auch für Herzogenaurach die Seligsprechung Adolph Kolpings in Rom im Oktober 1991 dar. Damit erfuhr das Werk des Gesellenvaters, das nahezu in der ganzen Welt ein fruchtbares Wirken gezeitigt hatte, eine angemessene Würdigung.

Neue Aufgaben für den Verein

Aus Anlass des 125-jährigen Bestehens der Kolpingsfamilie Herzogenaurach wurde am 1. Juli 1995 eine Kolpingbüste zwischen dem kleinen und dem großen Spital eingeweiht. Hierzu kamen Landespräses Monsignore Hans Stadler und Diözesanpräses Günter Kießwetter nach Herzogenaurach, um gemeinsam mit Kolpingpräses Dekan Hans Sterzl das Denkmal einzuweihen. Der Bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus, Hans Zehetmair, hielt am Sonntag nach einem Festgottesdienst in Weihersbach eine Festansprache.

Die ursprünglichen Aufgaben wie Erwachsenenbildung und soziale Absicherung, vor allem der Handwerksgesellen, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Jeden Dienstagabend wird ein vielfältiges Programm angeboten, das für jeden Interessenten offen ist. Die Schwerpunkte in der heutigen Zeit liegen in der Erwachsenenbildung mit gesellschaftlichen und sozialpolitischen Themen. Zusätzlich wird auch Heimatgeschichte und Volkskunde mit berücksichtigt.

Fixpunkte

Feste Programmpunkte sind außerdem die Altkleidersammlung, die Josefifeier (um den 19. März), der Familiensonntag (August) sowie die Diözesanwallfahrt nach Marienweiher und der Kolpinggedenktag (um den 8. Dezember). Die alljährliche Maiandacht wird abwechselnd in einem Gotteshaus in der näheren Umgebung abgehalten.

Außerdem ist die Kolpingsfamilie in die Struktur der Pfarrgemeinde vor Ort eingebunden und zeichnet sich durch ein aktives Mitwirken am Gemeindeleben aus. Besonders stark engagieren sich Kolpingmitglieder an Fronleichnam und beim Pfarrfest.

Bei den Gemeinschaftsveranstaltungen der Pfarrei stellt die Kolpingsfamilie stets einen großen Teil der Zuhörer.